Arboristik - Wissen

Baumpflege  |  Nachrichten  |  Produkte  |  Schadorganismen  |  Wissen  |  Recht

 

 

Wohl dem, der Wärme liebt

Insekten im Klimawandel


Der Große Schillerfalter (Apatura iris) nimmt in seinem Vorkommen kontinuierlich ab, seit Mitte der 2000er Jahre sogar verstärkt. Der Schmetterling hat mit seiner Verbreitung über Mittel- bis Nordeuropa eine eher niedrige Temperaturpräferenz und ist zudem als Habitatspezialist auf Wälder mit spezifischen Baumarten angewiesen. Foto: E. K. Engelhardt / TUM
Der Große Schillerfalter (Apatura iris) nimmt in seinem Vorkommen kontinuierlich ab, seit Mitte der 2000er Jahre sogar verstärkt. Der Schmetterling hat mit seiner Verbreitung über Mittel- bis Nordeuropa eine eher niedrige Temperaturpräferenz und ist zudem als Habitatspezialist auf Wälder mit spezifischen Baumarten angewiesen. Foto: E. K. Engelhardt / TUM

 

(11.6.2022) Wärmeliebende Insektenarten profitieren in Deutschland von der Klimaerwärmung. Dabei variieren die Trends verschiedener Insektengruppen deutlich. Während die Bestände von Schmetter-

lingen und Heuschrecken häufiger ab- als zunahmen, zeigten Libellen überwiegend positive Trends. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie unter Leitung der Technischen Universität München (TUM), des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Um erhebliche Datenlücken zu schließen, wertete das Forschungsteam eine umfangreiche Sammlung bislang kaum genutzter Daten zu über 200 Insektenarten in Bayern seit 1980 aus. Die Studie wurde in Global Change Biology veröffentlicht.

 

Der Klimawandel hat in Mitteleuropa längst Einzug gehalten. Dass er auch die Populationen und Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen beeinflusst, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Wie sich die Bestände unserer heimischen Tierarten über Jahre und Jahrzehnte verändern, ist eine Fragestellung, mit der sich das BioChange Lab der TUM beschäftigt. „Dazu kommt, dass nicht nur das Klima sich wandelt, sondern auch die Art und Intensität der Landnutzung. Hierzu zählen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Besiedlung und Verkehr“, sagt Dr. Christian Hof, Leiter der Forschungsgruppe BioChange an der TUM.

 

Mögen Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt in bestimmten Gebieten oder für einzelne Arten gut dokumentiert sein, so ist die flächendeckende Datenlage über viele Arten und vor allem über längere Zeiträume hinweg nur lückenhaft. Dies erschwert generelle Rückschlüsse darüber, wie sich Populationen heimischer Arten entwickeln und welche treibenden Faktoren für die Veränderung der biologischen Vielfalt eine Rolle spielen. Gerade Erkenntnisse zur Entwicklung des Artenbestandes über einen möglichst ausgedehnten Zeitraum in Zusammenhang mit Faktoren wie Landnutzung und Klima lassen valide Schlussfolgerungen zum Arten-, Biotop- und Klimaschutz zu.

 

Auswertung bestehender Datenschätze

 

Zahlreiche ehrenamtlich und hauptberuflich arbeitende Naturbeobachterinnen und -beobachter sind im unermüdlichen Einsatz. So existieren glücklicherweise Datenbestände zum Vorkommen verschiedener Arten. Hierzu gehört das Datenbanksystem der Artenschutzkartierung (ASK) am Bayerischen Landesamt für Umwelt. Die Artenschutzkartierung ist mit derzeit rund 3,1 Mio. Artnachweisen das landesweite Artenkataster für Tier- und Pflanzenarten in Bayern. Sie bildet eine zentrale Datengrundlage für die tägliche Arbeit der Naturschutzbehörden oder auch für die Erstellung Roter Listen gefährdeter Arten durch das LfU.

 

Die Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) ist eine der bekanntesten Profiteurinnen der Klimaerwärmung. Die ursprünglich im mediterranen Raum verbreitete Großlibelle trat Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal in Bayern auf und ist inzwischen weiträumig verbreitet. Foto: E. K. Engelhardt / TUM
Die Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) ist eine der bekanntesten Profiteurinnen der Klimaerwärmung. Die ursprünglich im mediterranen Raum verbreitete Großlibelle trat Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal in Bayern auf und ist inzwischen weiträumig verbreitet. Foto: E. K. Engelhardt / TUM

 

Anhand komplexer statistischer Verfahren gelang es Forscherinnen und Forschern des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie der TUM, die wertvollen Daten der ASK auszuwerten und die Bestandstrends von über 200 Insektenarten – rund 120 Schmetterlinge, 50 Heuschrecken und 60 Libellen – in Bayern zu analysieren. In Zusammenarbeit mit zahlreichen weiteren Expertinnen und Experten konnten sie in ihrer Studie zeigen, dass in allen untersuchten Insektengruppen wärmeliebende Arten in ihrem Bestand zunahmen, während das Vorkommen von Arten, die an kühlere Temperaturen angepasst sind, zurückging.

 

Arten wie die wärmeliebende Feuerlibelle profitieren vom Klimawandel

 

Die Unterteilung in Wärme und Kälte bevorzugende Insekten erfolgte aufgrund einer Berechnung anhand empirischer Daten. „Wir haben die Temperaturvorlieben der einzelnen Arten nach ihrem Verbreitungsgebiet innerhalb Europas ermittelt. Dazu verwendeten wir die mittlere darin vorherrschende Temperatur. Das heißt, Arten, die ein eher nördliches Verbreitungsgebiet haben, sind kälteangepasste Arten, und Arten, die eher ein südeuropäisches Verbreitungsgebiet haben, sind wärmeangepasste Arten“, sagt Eva Katharina Engelhardt, Doktorandin am TUM BioChange Lab. Wärmeangepasst sind beispielsweise der Graublaue Bläuling (Schmetterling), das Weinhähnchen (Heuschrecke) und die Feuerlibelle. „Die Feuerlibelle ist einer der bekanntesten Profiteure der Klimaerwärmung. Die ursprünglich im mediterranen Raum verbreitete Großlibelle trat Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal in Bayern auf und ist inzwischen großflächig verbreitet“, sagt Hof zu dem Ergebnis. Zu den kälteangepassten Arten gehören der Alpen-Perlmutterfalter, die Alpine Gebirgsschrecke oder die Kleine Moosjungfer.

 

Die Alpine Gebirgsschrecke (Miramella alpina) zeigt sich bisher unbeeinflusst von Klima- und Landnutzungsveränderungen. Die in größeren Höhenlagen europaweit verbreitete Heuschreckenart hat ein stabiles Vorkommen in den bayerischen Alpen, das sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat. Foto: E. K. Engelhardt / TUM
Die Alpine Gebirgsschrecke (Miramella alpina) zeigt sich bisher unbeeinflusst von Klima- und Landnutzungsveränderungen. Die in größeren Höhenlagen europaweit verbreitete Heuschreckenart hat ein stabiles Vorkommen in den bayerischen Alpen, das sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat. Foto: E. K. Engelhardt / TUM

 

Bestände von Faltern, Heuschrecken und Libellen vom Klimawandel beeinflusst

 

„Unsere Vergleiche der verschiedenen Insektengruppen zeigten deutliche Unterschiede“, sagt Engelhardt. „Während bei Schmetterlingen und Heuschrecken mehr Bestandsabnahmen als -zunahmen zu verzeichnen waren, zeigten die Libellen überwiegend positive Trends.“ Ein möglicher Grund hierfür ist die Verbesserung der Gewässerqualität während der letzten Jahrzehnte, was insbesondere den auf Wasser-Lebensräume angewiesenen Libellen zu Gute kommt. Lebensraumspezialisten, also Arten, die an ganz bestimmte Ökosysteme angepasst sind, verzeichneten einen Rückgang der Population. Schmetterlinge, wie das Große Wiesenvögelchen oder der Hochmoor-Bläuling sind hierfür Beispiele, denn sie sind auf ihren ganz speziellen Lebensraum angewiesen.

 

Die Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia dubia) ist eine Libellenart, die typisch für Hochmoore ist und somit sowohl Habitatspezialistin, als auch an kühlere Temperaturen angepasst. Ihr konstant abnehmender Trend hängt sowohl mit der Zerstörung von Moorhabitaten, als auch mit der zunehmenden Trockenheit und Wärme durch die Klimaerwärmung zusammen. Foto: C. Hof / TUM
Die Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia dubia) ist eine Libellenart, die typisch für Hochmoore ist und somit sowohl Habitatspezialistin, als auch an kühlere Temperaturen angepasst. Ihr konstant abnehmender Trend hängt sowohl mit der Zerstörung von Moorhabitaten, als auch mit der zunehmenden Trockenheit und Wärme durch die Klimaerwärmung zusammen. Foto: C. Hof / TUM

 

„Unsere Studie belegt, dass die Auswirkungen des Klimawandels ganz eindeutige Spuren auch in unserer heimischen Insektenfauna hinterlassen“, sagt Letztautorin Dr. Diana Bowler von der TUM, die an dieser Studie während ihrer Zeit bei iDiv und der Universität Jena gearbeitet hat. „Die Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie man mit modernen wissenschaftlichen Verfahren spannende Ergebnisse aus vorhandenen Datensätzen gewinnen kann. Diese sind im ehrenamtlichen und behördlichen Naturschutz zwar oft vorhanden, aber kaum genutzt. Dies sollte, in Form von Kooperationen wie unserer, viel öfter passieren“.

 

Die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) ist eine Heuschreckenart, die in den letzten Jahren ihr Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa massiv ausweiten konnte. Bei der Temperaturpräferenz liegt sie im mittleren Bereich, ist also ein Beispiel dafür, dass auch an mittlere Temperaturen angepasste Arten Bestandszunahmen zeigen können. Foto: C. Hof / TUM
Die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) ist eine Heuschreckenart, die in den letzten Jahren ihr Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa massiv ausweiten konnte. Bei der Temperaturpräferenz liegt sie im mittleren Bereich, ist also ein Beispiel dafür, dass auch an mittlere Temperaturen angepasste Arten Bestandszunahmen zeigen können. Foto: C. Hof / TUM

 

Johannes Voith, Entomologe am Bayerischen Artenschutzzentrum im LfU, fügt hinzu: „Im Rahmen der Kooperation insbesondere mit der TUM profitieren wir nicht nur von dem reinen Erkenntnisgewinn. So ist beispielsweise geplant, dynamische Verbreitungskarten zu einzelnen Arten zu erstellen“.

Die Studie ist Teil der Arbeit der Juniorforschungsgruppe „mintbio“ am BioChange Lab der TUM, die vom Bayerischen Klimaforschungsnetzwerk bayklif gefördert wird. iDiv-Forschende wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; FZT-118) in der sMon-Arbeitsgruppe (Trendanalyse von Biodiversitätsdaten in Deutschland) durch das iDiv gefördert.
(iDiv)


Originalpublikation:
Eva Katharina Engelhardt, Matthias F. Biber, Matthias Dolek, Thomas Fartmann, Axel Hochkirch, Jan Leidinger, Franz Löffler, Stefan Pinkert, Dominik Poniatowski, Johannes Voith, Michael Winterholler, Dirk Zeuss, Diana E. Bowler, Christian Hof (2022): Consistent signals of a warming climate in occupancy changes of three insect taxa over 40 years in central Europe. Global Change Biology, DOI: 10.1111/gcb.16200





zurück zur Übersicht oder zur Startseite


 

 



2003 - 2022 - arboristik.de - All rights reserved