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Europas Wald ist im Umbruch

In den letzten 30 Jahren gingen 17% des Kronendaches verloren


Satellitendaten zeigen Öffnungen im Kronendach von Europas Wäldern, wie hier auf einer Fläche im Bayerischen Wald zu sehen ist. Durch den Borkenkäfer sind diese Fichten im Nationalpark Bayerischer Wald abgestorben. Prof. Rupert Seidl und sein Mitarbeiter Cornelius Senf haben die Daten aus 30 Jahren erstmals kartiert. Foto: Cornelius Senf / TUM
Satellitendaten zeigen Öffnungen im Kronendach von Europas Wäldern, wie hier auf einer Fläche im Bayerischen Wald zu sehen ist. Durch den Borkenkäfer sind diese Fichten im Nationalpark Bayerischer Wald abgestorben. Prof. Rupert Seidl und sein Mitarbeiter Cornelius Senf haben die Daten aus 30 Jahren erstmals kartiert. Foto: Cornelius Senf / TUM

 

(21.9.2020) Ein Forscherteam der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und der Technischen Universität München hat anhand von mehr als 30.000 Satellitenbildern die erste hochaufgelöste Karte von Störungen in Europas Wäldern erstellt. Das Ergebnis der Studie, die soeben in der Fachzeitschrift Nature Sustainability veröffentlicht wurde: Insgesamt gibt es heute mehr als 36 Millionen Flächen auf denen anstatt großer Bäume eine Freifläche oder junge Bäume anzutreffen sind. Das entspricht einem Verlust von 17% des Kronendaches der Europäischen Waldfläche in den vergangenen 30 Jahren.

 

Erstmals ist es einem Forscherteam gelungen, eine hochaufgelöste Karte aller Öffnungen im Kronendach Europäischer Wäldern zu kartieren. Rupert Seidl (BOKU) und Cornelius Senf (TU München) haben dafür mehr als 30.000 Satellitenbilder analysiert und so mehr als 36 Millionen Flächen identifiziert, auf denen große Bäume einer Freifläche oder jungen Bäumen gewichen sind.

 

Mehr und größere Öffnungen im Kronendach

 

Der Grund der Kronendachöffnung reicht dabei von geregelter Holznutzung bis hin zu Windwurf oder Waldbrand. Wie die Wissenschafter herausfanden, war die Größe und Form der Öffnungen im Kronendach sehr unterschiedlich - je nach dem wo sie in Europa kartiert wurden. So hat zum Beispiel Schweden die größten

Karte: Kronendachöffnungen Europa
Diese Karte aller Kronendachöffnungen in Europa haben Forscher der Technischen Universität Muenchen und der Universität für Bodenkultur in Wien aus 30.000 Satellitendaten erstellt. Abb.: Cornelius Senf / TUM

Öffnungen im Kronendach vorzuweisen (im Durchschnitt knapp zwei Hektar - in etwa zweieinhalb Fußballfeldern), wohingegen in Portugal die höchste Anzahl an Öffnungen zu verzeichnen war. Die im Schnitt kleinsten Öffnungen gibt es in der Schweiz - mit gerade einmal 0.6 Hektar kleiner als ein Fußballfeld - während die durchschnittliche Flächengröße in Österreich bei 0.7 Hektar liegt. Die größte von den Forschern dokumentierte Öffnung im Kronendach trat in Spanien auf; hier hat ein Feuer im Jahr 2012 ganze 17.000 Hektar verbrannt.

Die neuartige Karte erlaubt es auch, Änderungen im Waldzustand zu beschreiben. So fanden die Forscher unter anderem heraus, dass Störungen des Kronendaches europaweit zugenommen haben. Das bedeutet, dass die Wälder offener und häufiger durch Freiflächen unterbrochen werden. Zudem wurden die Öffnungen des Kronendaches im Schnitt größer, was nicht zuletzt durch die Windwürfe und Waldbrände der letzten Jahre bedingt ist. Obwohl in den letzten Jahrzehnten diese offenen Flächen größer und häufiger wurden, zeigt die Studie aber auch, dass Bäume auf solchen gestörten Flächen vermehrt überleben – d.h. die Intensität der Störung nimmt ab. Dies wiederum fördert die Erholungsfähigkeit der Wälder und kann auch als Indiz für die Zunahme von pfleglicher Waldwirtschaft in Europa gewertet werden. Die Forscher sehen daher in ihren Ergebnissen keinen Grund zu Alarmismus: „Nur weil Bäume verschwinden, bedeutet das nicht, dass der Wald weg ist. In den allermeisten Fällen wachsen nach einem Verlust des Altbestandes neue, junge Bäume heran“, so der Hauptautor der Studie, Cornelius Senf. Co-Autor Rupert Seidl fügt hinzu: „Die neuen Karten helfen uns zu verstehen, wie sich Europas Wälder wandeln - denn Öffnungen im Kronendach bieten auch die Chance, dass sich eine neue, besser an den Klimawandel angepasste Baumgeneration etablieren kann“.

 

Windwurf in Dolomiten 2018. Foto: Cornelius Senf / TUM
Windwurf in Dolomiten 2018. Foto: Cornelius Senf / TUM

 

Satelliten helfen den Wald zu verstehen

 

Das Forschungsprojekt wurde mit Hilfe des Landsat-Satellitenprogrammes realisiert, dem am längsten laufenden zivilen Satelliten-Programm der Welt. Insgesamt nutzten die Forscher vier verschiedene Satelliten-Generationen der Landsat-Reihe, um einen dreißigjährigen Beobachtungszeitraum zu ermöglichen. Die Daten stellt der United States Geological Survey kostenlos zur Verfügung: „Ein einmaliger und ungemein wertvoller Datensatz, der hilft, Ökosysteme auf der ganzen Welt besser zu verstehen“, beschreibt Cornelius Senf das Landsat-Archiv.

 

Diese Daten waren nicht immer kostenlos: Noch im Jahr 2007 hat ein Landsat-Satellitenbild ca. 600 Euro gekostet, was das Forschungsprojekt der BOKU-Forscher mit geschätzten Kosten von über 15 Millionen Euro unmöglich gemacht hätte. „Der freie Zugang zu Daten ist für die Wissenschaft wichtig und schützenswert. Nur so können wir unsere Umwelt besser verstehen und bewahren.“, so Cornelius Senf. So wird ermöglicht, dass die in der aktuellen Arbeit erstellten Karten nun auch von anderen Wissenschafter*innen genutzt werden können. Dazu sind sie frei verfügbar und können auch ↗online eingesehen werden.
(BOKU / TUM)


Die Studie online:
Cornelius Senf und Rupert Seidl (2020) Mapping the forest disturbance regimes of Europe.
Nature Sustainability.

 

Link
Die Karten online
Universität für Bodenkultur Wien (BOKU)
Technische Universität München (TUM)




 

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