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Mehr natürliche Störungen in Fichtenwälder

Rechtzeitige Eingriffe machen den Wald widerstandsfähiger

Natürliche Störung durch Wind- und Schneebruch in einem Fichtenwald. Foto: Frank Krumm, SLF
Natürliche Störung durch Wind- und Schneebruch in einem Fichtenwald. Foto: Frank Krumm, SLF


(8.6.2021) In den letzten Jahren waren Wälder im Kanton Graubünden (Schweiz) vermehrt von natürli-

chen Störungen wie Windwurf oder Borkenkäfer betroffen. Forschende konnten identifizieren, welche Wälder besonders anfällig sind. Die Studie soll helfen, bei der Waldbewirtschaftung Prioritäten zu setzen.

 

Der Gebirgswald hat für Menschen eine große Bedeutung, denn er erfüllt viele Funktionen. Er schützt nicht nur Siedlungen und Straßen vor Naturgefahren wie Lawinen oder Steinschlag, sondern reinigt die Luft und speichert Kohlenstoff. Er ist Erholungsraum und Lebensraum für zahlreiche Tiere- und Pflanzenarten. Als Lieferant nachwachsender Rohstoffe spielt er eine wichtige wirtschaftliche Rolle.

 

Verjüngungs- und Holzschlag in einem Fichtenwald
Verjüngungs- und Holzschlag in einem Fichtenwald am Rinerhorn (Davos). Durch die Öffnung wird Licht in den Bestand gebracht. Damit wird langfristig die Vielfalt erhöht und die Anfälligkeit gegenüber Störungen verringert.
Foto: Peter Bebi, SLF

Während der Gebirgswald bis Ende des 19. Jahr-

hunderts intensiv genutzt und beweidet wurde, ist er in den letzten Jahrzehnten meist dichter geworden und hat sich ausgedehnt. Heute sind knapp ein Drittel des Kantons Graubünden bewaldet. Davon sind rund 60 % Schutzwälder. Das Ausmaß an natürlichen Störungen wie Windwürfe, Waldbrand und Borkenkäferausbrüche hat in den letzten Jahren infolge der Waldverdichtung und zunehmend auch infolge des Klimawandels zugenommen. Solche Entwicklungen sind eine Herausforderung für die Waldpflege. Für die Waldbewirtschaftung ist es daher entscheidend, wo, wann und wie der Wald gepflegt werden soll, damit die Gefährdung durch natürliche Störungen trotz schwieriger werdenden Rahmenbedingungen möglichst gering bleibt und der Wald seine Funktionen möglichst nachhaltig erfüllen kann.

Verschiedene Daten kombinieren um Störungen zu differenzieren

 

In einer aktuellen ↗ Studie haben Forschende des ↗ SLF in Zusammenarbeit mit der↗ Technischen Universität München (TUM), der ↗ Eidgenössischen Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich) und des ↗ Amtes für Wald und Naturgefahren des Kanton Graubünden (AWN) Satellitendaten mit Daten der Holznutzungen und Waldpflege des Kantons Graubünden und historische Karten der Waldbedeckung kombiniert. Satellitendaten hat man zwar schon für frühere Untersuchungen genutzt, doch bislang konnte man nicht unterscheiden, ob es sich bei der Störung um menschliche Eingriffe wie z.B. Durchforstung oder um natürliche Störungen handelt. «Mit dieser neuen Methode können wir relativ einfach und großflächig sehen, was, wo und wann in den Wäldern geschah. Wir erkennen nun, um welche natürliche Störung es sich handelt, ob es beispielsweise Borkenkäfer, Schneebruch oder Windwurf ist.», sagt Peter Bebi, Mitautor der Studie und Leiter der Forschungsgruppe "Gebirgsökosysteme" am SLF.

 

Beispiel eines einschichtigen, dichten Fichtengebirgswaldes mit bereits hoher Konkurrenz unter den Bäumen und sich stark verkürzenden Kronen. Mit einem forstlichen Eingriff in diesem Entwicklungsstadium erhöht sich bereits die Anfälligkeit gegenüber natürlichen Störungen. Ein noch früherer Eingriffszeitpunkt wäre günstiger gewesen. Foto: Frank Krumm, SLF
Beispiel eines einschichtigen, dichten Fichtengebirgswaldes mit bereits hoher Konkurrenz unter den Bäumen und sich stark verkürzenden Kronen. Mit einem forstlichen Eingriff in diesem Entwicklungsstadium erhöht sich bereits die Anfälligkeit gegenüber natürlichen Störungen. Ein noch früherer Eingriffszeitpunkt wäre günstiger gewesen.
Foto: Frank Krumm, SLF



Frühzeitiges Eingreifen erhöht die Widerstandsfähigkeit des Waldes

 

Die Modelle zeigen, dass natürliche Störungen, insbesondere Windwurf und Borkenkäfer am häufigsten in tieferen Lagen, an flachen und nach Süden ausgerichteten Hängen auftreten. Fichtendominierte und dichtstehende Bestände zeigten eine höhere Anfälligkeit für natürliche Störungen als strukturierte Mischbestände. Jüngere Wälder, also solche, die im 20. Jahrhundert angelegt wurden, waren deutlich anfälliger für natürliche Störungen als Wälder, die bereits vor 1880 vorhanden waren. «Diese Erkenntnis ist neu und widerspricht der verbreiteten Meinung, dass man in erster Linie ältere Wälder pflegen muss, weil sie überaltert seien», sagt Peter Bebi. Vor allem einförmige und dunkle Fichtenwälder, die auch bezüglich Biodiversität und Erholungsraum weniger leisten, sind störanfällig. «Es ist daher vielfach sinnvoll, rechtzeitig einzugreifen und dafür zu sorgen, dass Fichtenwälder nicht so dicht zusammenwachsen. Solange die Fichten noch relativ lange Kronen haben, können sie positiv auf Veränderungen reagieren», sagt Peter Bebi. Verjüngungseingriffe können zwar kurzfristig die Anfälligkeit für natürliche Störungen erhöhen, längerfristig wird der Wald damit aber meist vielfältiger und widerstandsfähiger.
(Sara Niedermann, WSL/SLF)

Publikation
Stritih, A.; Senf, C.; Seidl, R.; Grêt-Regamey, A.; Bebi, P., 2021: The impact of land-use legacies and recent management on natural disturbance susceptibility in mountain forests. Forest Ecology and Management, 484: 118950 (10 pp.). doi: 10.1016/j.foreco.2021.118950

 

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