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Die Biodiversität im Wald fördern: Das geht!

«Forum für Wissen 2020»


Biodiversität im Wald
Foto: Heike Frohnhoff, Pixabay

 

(15.2.2021) Die Biodiversität ist eine wichtige Grundlage für eine moderne, nachhaltige Waldwirtschaft. Denn je vielfältiger und artenreicher ein Wald ist, desto eher kann er äußere Einflüsse verkraften, vor Naturgefahren schützen, Holz produzieren und der Erholung dienen. Dies zeigte das im November 2020 virtuell durchgeführte «Forum für Wissen» der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.

Bis weit ins 20. Jahrhundert standen der Schutz vor Naturgefahren und eine möglichst große Holzproduktion im Zentrum der Waldbewirtschaftung. In den letzten 30-40 Jahren zeigte sich jedoch, dass viele Wälder immer dichter und dunkler wurden und dadurch wertvolle Strukturen für die Biodiversität verloren gingen. Der Wald bot vielen anspruchsvollen, oft auch lichtbedürftigen Tier- und Pflanzenarten keinen adäquaten Lebensraum mehr. Die Biodiversität, also die Vielfalt der Lebensräume, Arten und ihrer Erbanlagen nahm ab.

 

Waldstrukturen
Landschaftsausschnitte des Hainich im deutschen Bundesland Thüringen. Eine grobkörnige Waldlandschaft (links) erwies sich als artenreicher im Vergleich zu einer kleinräumig heterogenen Landschaft (rechts).
Abb.: Google Earth (2008) 51.33° - 51.36°N; 10.38° - 10.54° O Image©2020 GeoBasis-DE/BK.

 

Seit etwa 20 Jahren werden besondere Waldstrukturen wie alte Bäume mit besonderen Lebensräumen, Totholz und Lichtbaumarten zunehmend gefördert. Denn zahlreiche Untersuchungen aus allen Erdteilen zeigen, dass Wälder möglichst vielfältig sein sollten, um den Folgen von äußeren Einflüssen wie Stürmen, Krankheiten oder Insektenbefall zu widerstehen sowie dem Klimawandel zu trotzen. Dies erreiche man vor allem dann, so Steffi Heinrichs von der Universität Göttingen am «Forum für Wissen», wenn man verschiedene waldbauliche Methoden großräumig kombiniere und damit die Biodiversität auf Landschaftsebene fördere. Es gehe darum, in größeren Landschaften zu denken, die als Ganzes einen Lebensraum für überlebensfähige Populationen bieten.

 

Seltene Insekten, Vögel und Pilze sind auf totes Holz angewiesen

 

Totholz
Die WSL-Forschungsfläche Habsburg (Kanton Aargau) im Oktober 2019. Zwischen vermodernden Baumstämmen wachsen unterdessen bis zu 15 Metern hohe Laubbäume. Foto: Reinhard Lässig/WSL
Auerhahn
Das Auerhuhn (Tetrao urogallus) ist eine Charakterart strukturreicher, lichter Nadelmischwälder. Lichte Strukturen können durch natürliche Störungen entstehen oder durch Massnahmen zur Habitatpflege aktiv gefördert werden.
Foto: Joy Coppes
Specht
Der mit 20-30 Brutpaaren sehr seltene Weissrückenspecht (Dendrocopos leucotos) breitet sich in der Schweiz seit etwa 25 Jahren nur langsam nach Westen aus und ist dabei auf Wälder mit oft über 100 m3/ha Totholz angewiesen.
Foto: Simon Niederbacher

Unbewirtschaftete, unter Schutz gestellte Wälder bereichern die Biodiversität in einer Landschaft. Allerdings gebe es solche in Deutschland nur auf 1.9 Prozent der Waldfläche, in der Schweiz immerhin auf 3.4 Prozent, sagt Veronika Braunisch von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg und der Universität Bern. «Deshalb habe die aktive Förderung der Waldstrukturen einen besonderen Stellenwert im Naturschutz, beispielsweise im Schwarzwald oder in den Alpen, wo man den Lebensraum des Auerhuhns verbessern und das Überleben dieser Art fördern will». Leider gebe es zu wenig Licht und Lücken, kaum Freiflächen und nur wenig alte, urwaldartige Wälder in Mitteleuropa; alles Lebensräume, in denen der Artenreichtum besonders groß wäre.

Dies betrifft auch die Insekten, wie Martin Gossner von der WSL in mehreren Studien herausfand: «Es braucht eine zielgerichtete, sowohl räumlich als auch zeitlich ausgerichtete Planung von kleinen und größeren Reservaten», sagt er. Schweizer Wälder weisen im landesweiten Durchschnitt nur 24 m3/ha Totholz auf, manche seltene Insektenarten benötigten jedoch 50 m3/ha und mehr. Spezialisierte Vogelarten wie der Weissrückenspecht benötigen in gewissen Bereichen ihrer Reviere sogar mehr als 100 m3/ha Totholz, wie Alex Grendelmeier von der Vogelwarte Sempach anfügt.

Flächen mit viel totem Holz entstehen beispielsweise nach Stürmen oder Bränden. Derartige Störungen, das zeigen Untersuchungen von Thomas Wohlgemuth (WSL), würden die Biodiversität deutlich fördern: «Würde man nach großen Ereignissen mehr Windwurfflächen im ungeräumten Zustand belassen, könnte man schweizweit auf 10 Prozent der Waldfläche Reservate ausweisen», sagt der Waldökologe. Zudem gebe es in einer Landschaft mit solchen Flächen zahlreiche stehen gebliebene Einzelbäume und neue Feldgehölze. Diese vernetzen unterschiedliche Landschaftselemente miteinander, was sich auf die Verbreitung zahlreicher Arten positiv auswirkt, wie Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt BAFU sagte. Bereits in den vergangenen 12 Jahren habe der Bund 340 Millionen Franken in den Waldnaturschutz investiert. Für die Zukunft gelte es, die Bedeutung des Waldes als großen Lebensraum in der Landschaft zu stärken.

 

Morsches Totholz
Liegendes, morsches Totholz im Winter 2018/19 auf der WSL-Forschungsfläche Habsburg (Kanton Aargau).
Foto: Ulrich Wasem/WSL

 

Mit molekularen Methoden und Fernerkundung die Vielfalt erfassen

 

In der abschließenden, von Kurt Bollmann (WSL) geleiteten Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmenden zwar einig, dass die Waldwirtschaft auf dem Weg zu mehr Biodiversität schon einiges geleistet hat. Regina Wollenmann vom Schweizer Forstverein betonte jedoch, dass es noch viel brauche, um mehr lichte Wälder zu schaffen und diese besser zu vernetzen. Für Florian Altermatt vom Forum für Biodiversität ist allein schon die Einsicht wichtig, dass die Vielfalt im Wald für dessen langfristige Entwicklung bedeutsam ist. Häufig seien es gerade die kleinen Mikroorganismen und auch die artenreiche Gruppe der Insekten, die den Stoffumsatz in Waldökosystemen am Laufen halten. Die Vielfalt der Organismen sei mit modernen molekularen Methoden, aber auch mit technischen Entwicklungen in der Fernerkundung heute viel einfacher und kostengünstiger messbar als noch vor wenigen Jahrzehnten.

«Wenn wir mehr Biodiversität wollen, müssen wir uns unbedingt auch Gedanken über finanzielle Anreize machen», sagt Jacqueline Bütikofer von WaldSchweiz. Es könne nicht sein, dass die Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer für Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität selber aufkommen sollen. Die Gesellschaft als Ganzes habe den Rückgang der Vielfalt verursacht, also müsste sie auch die Kosten für Fördermaßnahmen übernehmen. Florian Altermatt sieht bei der vermehrten Förderung durch die öffentliche Hand keine größeren Probleme. Bislang wurden Maßnahmen zu Gunsten einer größeren natürlichen Vielfalt über alle Sektoren in der Schweiz mit rund eine Milliarde Franken jährlich gefördert, davon entfielen rund 30 Millionen Franken auf die Waldbiodiversität. Laut einer WSL-Studie schadeten insgesamt zahlreiche Subventionen verschiedener Sektoren im Umfang von 40 Milliarden Franken pro Jahr der Biodiversität. Aus ökologischen Überlegungen ginge es um eine gezielte Umlenkung zahlreicher Subventionen.
(Reinhard Lässig/WSL)


Link
Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL



 

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