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EU auf dem Holzweg

Wälder erhalten statt Bäume pflanzen


Räumungsschlag am Steilhang im Westerwald bei Hillscheid in Rheinland-Pfalz (2020) Foto: Pierre L. Ibisch/Deutsche Umweltstiftung /HNEE

Räumungsschlag am Steilhang im Westerwald bei Hillscheid in Rheinland-Pfalz (2020).
Foto: Pierre L. Ibisch/Deutsche Umweltstiftung /HNEE


(1.7.2020) Ein schlechtes Zeugnis stellen Wald-Experten aus Spanien, Polen, Schweden und Deutschland der neuen Biodiversitätsstrategie der EU aus. In einem heute im renommierten Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichten Beitrag kritisieren sie die waldbezogenen Zielsetzungen. Ein Kritikpunkt betrifft Aktionismus und Symbolhandlungen wie das massenweise Anpflanzen von Baumsetzlingen. Sie fordern stattdessen, die nötige Klimawandelanpassung in der Forstwirtschaft auf Grundlage von anerkanntem ökologischem Wissen zu konzipieren.

 

Co-Autor Prof. Dr. Pierre Ibisch, deutscher Biologe und Professor für „Nature Conservation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Umweltstiftung hält den Waldschutz in der Europäischen Union für völlig ungenügend: Zwar plant die EU, noch vorhandene alte Wälder zu schützen, aber es ist völlig irrelevant und aussichtlos, diese als kleine isolierte Inseln in der Landschaft zu bewahren, wenn gleichzeitig in der Umgebung eine intensive Forstwirtschaft praktiziert wird.

Die alten Wälder bzw. Urwälder machen laut einer von den Autoren zitierten Studie nur noch rund 0,7 Prozent der Waldfläche in Europa aus, von denen weniger als die Hälfte geschützt sei. Entscheidend sei also, was auf dem Rest der Waldfläche passiere.

 

Von den Autoren des Beitrages wird zudem kritisiert, dass die EU Wälder wiederherstellen wolle, aber hierfür lediglich das Pflanzen von drei Milliarden Bäumen vorgesehen sei. Statt einfach Bäume zu pflanzen, müsse vielmehr dafür gesorgt werden, dass die Übernutzung von Wäldern gestoppt werde und dass mehr Wälder sich selbst regenerieren können. Dringend sei stärker darauf zu achten, dass Wälder mit einem geschlossenen Kronendach ein kühleres Waldklima bewahrten. Außerdem müsse eine weitere Zerschneidung von Wäldern durch Straßen und Forstwege beendet werden.

Das Pflanzen von Bäumen könne sogar schädlich sein, da viele forstliche Akteure vor allem exotische Bäume verwenden wollten, weil sie angeblich besser an den Klimawandel angepasst seien. Insgesamt sei eine komplexere Herangehensweise gefordert und nicht schlichte Baumpflanzaktionen. Entsprechendes Augenmerk müsse nun dringend der EU-Waldstrategie gelten, die 2021 vorgelegt werden soll.

 

Kahlschlag im Harz bei Harzgerode, Sachsen-Anhalt (2020). Foto: Pierre L. Ibisch/Deutsche Umweltstiftung /HNEE

Kahlschlag im Harz bei Harzgerode, Sachsen-Anhalt (2020). Foto: Pierre L. Ibisch/Deutsche Umweltstiftung /HNEE


Die vorgetragene Kritik gilt auch für den aktuellen Umgang mit Wäldern in Deutschland. Ein häufig wiederholter Lieblingssatz der Bundesministerin Klöckner lautet „Jeder Baum, den wir jetzt nicht pflanzen, wird später unseren Enkeln fehlen“. Wenn allerdings beachtet wird, wie sich Bäume auf Schadflächen, die nicht durch eine totale „Schadholzräumung“ misshandelt werden, im Rahmen der natürlichen Sukzession spontan und kostenlos ansiedeln, während viele der gepflanzten Bäume absterben, muss sich die Ministerin postfaktischen Forst-Populismus vorwerfen lassen.

 

Prof. Ibisch betont: „Die von Ministerin Klöckner propagierten und mehr als einer Milliarde Euro geförderten Maßnahmen sind nicht durch die Ergebnisse ökologischer Forschung abgesichert. Unter anderem zeigt sich, dass die Borkenkäferbekämpfung durch Totholzentfernung nicht wirksam ist. Stattdessen führt der aktuelle Aktionismus zu massiven Schädigungen von Waldböden. Es besteht nicht nur die akute Gefahr, dass Steuergelder verschwendet werden, sondern dass ihr Einsatz gravierende und anhaltende Umweltschäden hervorruft.“
(HNEE)


Beitrag in Science
Nuria Selva, Przemysław Chylarecki, Bengt-Gunnar Jonsson, Pierre L. Ibisch 2020. Misguided forest action in EU biodiversity Strategy. Science Vol 368, 1438, doi 10.1126/science.abc9892

 

Links zu diesem Thema
Deutsche Umweltstiftung
Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)



 

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