4. und 5. Mai 2004 - ein Rückblick

Voll, brechend voll war sie mit 500 Teilnehmern wieder, die Aula des Fortbildungszentrums für Technik und Umwelt am Forschungszentrum Karlsruhe.
Sogar Prof. Mattheck musste seinen Stuhl einem Seminarteilnehmer abtreten und 100 Stühle mehr hätte man brauchen können, so groß war das Interesse an der Jubiläumsfeier.
Und die kamen, hatten nichts zu bereuen. Prof. Dr. Bodo Ruck sprach über Umweltaerodynamik, favorisierte die aerodynamische Trendaussage und relativierte die Bedeutung der Windlastabschätzung am Einzelbaum. Prof. Mattheck referierte dann zusammen mit seinen Mitarbeitern Dipl.-Ing. Roland Kappel und Dipl.-Ing. Peter Müller über die unterirdische Selbstoptimierung der Wurzelplatte. Die untersuchten Bäume zeigten, dass am Rande der Wurzelplatte die Erde scherfester ist, weil vom Baum selbst verdichtet, dass aber auch die Wurzeln dort besonders zugfest sind.
Ein Highlight war der von Dr. Weber vorbereitete Nachweis der dualen Natur der Wurzelplatte, die aus einer flachen, weitreichenden Zugwurzelplatte und einem eher bekannten Schubwurzelballen besteht. Die Präsenz der Zugwurzelplatte bewirkt zähes Windwurfverhalten, ihre Abwesenheit spröde Windwürfe. Staunässe unterdrückt den Schubwurzelballen ebenso wie Felsen mit flacher Bodendeckung.

Es gibt "gute und böse" Steine. Gute stehen von Wurzeln umschlungen und wirken als Knoten oder Rolle beim Wurzelausriss. Eindrucksvolle Ausreißversuche zeigten, dass baumferne Steine erst richtig belastet werden, wenn die Wurzel um den ersten Stein geradegezogen wurde.
Wurzelausreißversuche in der Natur mit Unimog wiesen deutlich verschiedene Pull-out-Kräfte für
Zug- und Druckwurzeln nach.
Am Abend stellte Prof. Dr. Mattheck noch sein neues Buch Warum alles kaputt geht vor, eine Schadenskunde für jedermann, denn die Formeln wurden in den Anhang verbannt.
Am zweiten Tag erklärte Prof. Mattheck die Verankerung der Mangroven im Schlamm und einfache Berechnungsmöglichkeiten für Bäume auf Rohrleitungen ohne Windlastabschätzung. Auch setzte er sich mit Problemen bei möglicherweise unterdimensionierten Kronensicherungen und seiner Meinung nach praxisfremden Versagenskriterien für hohle Bäume auseinander, die die Längsspaltung hohler Bäume vor dem Querbruch missachten. Damit ergäbe sich für eine 29 m hohe und 136 cm dicke Eiche eine Morschung von 93 % als noch 100 % sicher im Orkan nach SIB. Nach VTA muss ein voll bekronter Baum bei 70 % Höhlung bereits eingekürzt werden. Prof. Mattheck überließ es dem Hörer, sich nach seinem gesunden Menschenverstand für ein Versagenskriterium festzulegen. Er rügte auch die für ihn erkennbare Tendenz, fachliche Auseinandersetzung durch "politische Lösungen" mancher Verbände zu ersetzen — gleichsam Vereinsmeierei statt Wissenschaft. Diesen eher auf Deutschland begrenzten Trend hielte er für bedenklich.

Dr. Weber referierte mit gewohnter, wissenschaftlicher Präzision über den Eichenfeuerschwamm und die Körpersprache der Überwallungswülste, den Eschenbaumschwamm und er relativierte die Bedeutung der Plastikfolien zur Wundbehandlung, die mit zunehmender Praxisnähe des "akademischen Schadens" (d.h. Holzverletzung!) zumeist weniger effektiv würde.
Rechtsprechung hat sich nicht von der Verschuldenshaftung verabschiedet Bei seiner Einführung in die allgemeinen Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht für Bäume im Zivilrecht begründete Prof. Dr. Hötzel, dass sich die Rechtsprechung nicht von der Verschuldenshaftung verabschiedet. Anhand von zwei BGH-Urteilen und eines Urteils des OLG Düsseldorf zeigte er die engen Grenzen auf, in denen ausnahmsweise die verschuldensunabhängige Störerhaftung in Frage kommt. Somit besteht kein Anlass zu Vorsorgefällungen.
VTA ist Beurteilungsgrundlage
Zehn Jahre Rechtsprechung zur VTA-Methode haben bei der Eingrenzung der Schnittstelle zwischen nicht vorhersehbarem Unglück und vorhersehbarem, d.h. zurechenbaren Schaden bei der Baumkontrolle, der Baumuntersuchung und der Baumbehandlung weitgehende Fortschritte gebracht. Dies zeigt neben der Akzeptanz der VTA-Methode in der Praxis der Baumpfleger und Sachverständigen auch ihre Verbreitung in der Rechtsprechung aller Instanzen, die Sachverständigengutachten nach der VTA-Methode immer stärker zur Beurteilungsgrundlage ihrer Entscheidungen macht. Sie hatte mit dem Urteil des OLG Karlsruhe vom 21.12.1993 Eingang in die obergerichtliche Rechtsprechung gefunden. Mit der Entscheidung des BGH vom 30.07.1997 ist sie eine revisionsfeste, durch eine repräsentative Rechtsprechung bestätigte und damit rechtssichere Methode der Baumpflege zur Erfüllung der Verkehrssicherungspflicht geworden.
Die Rechtsprechung sieht ein haftungsbegründendes Verschulden schon darin, dass der Verkehrssicherungspflichtige es unterlässt, sich mit den neuesten gesicherten Erkenntnissen der Baumpflege vertraut zu machen. Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass Kronensicherungen nach der ZTV-Baumpflege 2001 der FLL unzureichend sein können. Dieser Umstand kann in Verbindung mit dem Hinweis, dass die Anwendung der ZTV-Baumpflege 2001 nicht von eigener Verantwortlichkeit befreit, zu einer Haftung bei Versagen der unzureichenden Kronensicherungen führen.
Methode Koch ist seit 1975 Stand der Technik
Die Methode Koch ist seit dem Kastanienbaumurteil des BGH aus dem Jahre 1975 Stand der Technik bei der Gehölzwertermittlung. Prof. Dr. Hötzel rügte scharf die aus dem Bereich der FLL kommende Argumentation, erst durch die Aufnahme in eine FLL-Richtlinie sei die Methode Koch mit Herausgabe dieser Richtlinie im Februar 2003 Stand der Technik geworden. Das Umetikettieren eines vorhandenen Standes der Technik mache daraus keinen neuen.
Die Methode Koch arbeitet seit 1975 mit 5 % Zinsen bei der Gehölzwertermittlung. Die FLL versucht seit 2001, einen Zinssatz von 4 % durchzusetzen, so dass die Ergebnisse bei denselben Ausgangswerten um etwa 10 % für zehnjährige, etwa 15 % für 20jährige und 20 bis 25 % für 30jährige Herstellzeiten sinken. Das LG Berlin hat sich in einem Vergleich vom 06.04.2004 zum Zinssatz von 5 % bekannt. Es wäre zu wünschen, dass die FLL diese Brücke betritt und ihre Versuche einstellt, mit Hilfe des Zinssatzes von 4 % die Ergebnisse der Gehölzwertermittlung drastisch zu senken.
Erika Koch ausgezeichnet
Erika Koch wurde für 10 Jahre Tagungsmanagement mit einem VTA-Verdienstorden, einem Riesenblumenstrauß und einem tosenden Applaus geehrt. Danke! Schöne Bereicherungen waren die Kunstausstellung Baum und Landschaft des Künstlers Manfred Herzog, Dr. Webers Pilzbestimmungstisch und -PREMIERE!- die Käferausstellung von Georg Möller aus Berlin - eine neue Attraktion! Seminarleitung, Seminarbüro und alle Helfer danken für die zwei Tage Ihres Lebens, die Sie uns anvertraut haben.
Die nächste Tagung findet am
19. und 20. April 2005 statt.
D.K.

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