Wie man in baumnahen Mauerrissen lesen kann
 
Von C. Mattheck und K. Bethge
 
Abb. 1:
Eine Kerbe bewirkt eine Kraftflussumlenkung und damit eine Spannungserhöhung, die man Kerbspannung nennt. Die meisten Risse in Bauteilen starten infolge dieser Kerbspannungen. (biologische Bauteile haben jedoch optimale Kerbformen, die keinerlei Kerbspannungen erzeugen!). Die elliptische Kerbe hat einen kleineren Kerbradius, sie ist spitzer als die oben abgebildete Kreiskerbe und hat daher höhere Kerbspannungen. Die gefährlichste Kerbe ist der Riss, an dessen spitzem Ende höchste Spannungsüberhöhungen entstehen, die das Risswachstum verursachen

Abb. 2:
Risse entstehen bei schwingender Belastung meist infolge der Kerbspannungen im Kerbgrund.
Sie laufen in der Regel senkrecht zum Verlauf der Zugspannungslinien. Daher kann man bei Betrachtung der Risse auf den Verlauf der Zugspannungen schliessen, auch ohne die äussere Belastung des Bauteiles kennen zu müssen.
Abb. 3:
Ändert man die Belastungsrichtung bei Rissen, so werden sie in eine Form wachsen, die die neuen Rissenden in etwa wieder senkrecht zu den Zugspannungslinien stellt.
Abb. 4:
Auch ein Fenster erzeugt mit seinen Ecken Kerbspannungen. Bekannt sind die durch das schwingen der Waschmaschine bewirkten Risse in Stein- oder Betonhäusern. Man achte auch auf die Mauerrisse in Maschinenhallen. Auch Bäume können Schwingungen in Gebäude einleiten.
 
Abb. 5:
In vielen Fällen erkennt man am Ort der Rissbildung wo die Kerben im Gebäude auf Zug belastet werden. Daraus kann man eine Biegespannungsverteilung konstruieren und Rückschlüsse auf mögliche Fundamentabsenkungen ziehen.

Abb. 6:
Wenn die Biegung ihre Richtung ändert, können Mauerrisse sich wechselseitig gegenüberliegen. Dies kann auch durch eine Reihe von Dominosteinen oder das Biegen einer Weidenrute verdeutlicht werden.

Abb. 7:
Auch bei waagerechter Krafteinleitung kann sich eine wechselnde Biegelinie einstellen. Allerdings wird meist nur der äußere Riss und nicht die baumseitigen wahrgenommen.
Abb. 9:
Kippt dagegen das Oberteil der Mauer nach außen, ergibt sich baumseitig ein horizontaler Mauerriss, der meist unsichtbar bleibt, wenn nicht druckseitig der Putz sich löst oder die Mauer sich auffällig neigt.
Abb. 8:
Der Baum drückt eine lanzenförmige Wurzel gegen die Mauer an deren Kontaktstelle die Wurzel eine Art Boxhandschuh oder Druckstempel ausbildet, dem gegenüber der Mauerriss entsteht.
C. Mattheck, K. Bethge

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