VTA-Seminar
Bericht zur 17. VTA-Tagung am 10. und 11. Mai 2011
im Fortbildungszentrum für Technik und Umwelt, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Nord 
(ehem. Forschungszentrum Karlsruhe)
 
Die Skelettierung des Baumes

Auf dem bereits 17. Spezialseminar wurden wieder neueste wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt, die für die Baumpflege von höchster Wichtigkeit sind. Dass die vorgestellten Themen mit zunehmendem Wissensfortschritt nicht weniger komplex werden, liegt in der Natur der Sache. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der nicht sehr einfachen Vorträge war die Stimmung im (seit Jahren) gewohnt voll besetzten Aula sehr konzentriert und vor dem Saal angenehm fröhlich und entspannt. Einen Beitrag zur "Erholung" leistete IML. Wer interessiert war, konnte an der "Bohrinsel", einem Anhänger voll mit großen Holzproben, das neue Messgerät IML-RESI PD erproben.

IML-RESI

Auf einem Anhänger, mit großen Holzproben bestückt,
konnte das neue Messgerät IML-RESI PD erprobt werden.
 
Denkwerkzeuge in der Baumbeurteilung

In diesem Jahr war das Leitthema die Skelettierung des Baumes, bzw. wie Denkwerkzeuge (Zugdreiecke, Schubvierecke und Kraftkegel) beinahe intuitiv zu erkennen helfen, wo es am Baum, insbesondere der Baumkrone, Probleme gibt und welche Hinweise für eine Dimensionierung von Gegenmaßnahmen möglich sind.
Unter "Skelettierung "ist eine Freistellung oder die Herauslösung bzw. die Trennung von Teilstrukturen aus einem Strukturverband zu verstehen, wodurch ein erhöhtes Versagensrisiko für die freigestellten Teilstrukturen oder/und den zurückbleibenden Strukturverband entstehen kann. Dies wurde folgend überwiegend für den Kronenverband, aber durch Dr. Karl-Heinz Weber am zweiten Tag auch für Wurzelverbünde erklärt.
Nach einigen sehr anspruchsvollen Vortragsteilen zeigte Prof. Dr. Mattheck, wie und wo die Denkwerkzeuge auf den Baum anzuwenden sind. Darin enthalten war immer auch eine wissenschaftliche Beweisführung, von der aus der Bogen zur praktischen Baumbeurteilung entwickelt wurde, die nun umso fundierter möglich ist.
Sehr deutlich wurde in diesem Zusammenhang zum Beispiel, wie das Kriterium der kritischen Ast-Schlankheit (l/D 40) in Kombination mit den Denkwerkzeugen und dem "klassischen" VTA Symptomen anzuwenden ist.
Abgesichert durch Beweisführungen, mittels der Mattheckschen Denkwerkzeuge und durch Versuchsreihen wurde dargestellt, wie sich die Äste im äußeren Kronenbereich gegenseitig bei Windbelastung unterstützen. Dadurch wurden die wichtigen Prinzipien zur Verflechtung des Kronenverbandes und der Steifigkeitsverteilung in der Baumkrone nachvollziehbar, wie sich die Kronenäste gegenseitig unterstützen und wie der Baum bei Starkwindbelastungen, "die Ohren anlegen" kann, um so die Windbelastung zu reduzieren. Daraus ergibt sich unvermeidlich eine unangenehme Erkenntnis: Nur leichte Schnittmaßnahmen, wie sie in der Baumpflege auch zur Sicherung häufig praktiziert und zur „Habituserhaltung“ angestrebt werden, skelettieren den Kronenverband und können so die Äste "gefährlicher machen ", vergleichbar einem ausgelichtetem schlanken Waldbestand. Zudem ergibt sich aus leichten Schnittmaßnahmen keine sichernde Entlastung, wenn nur weggeschnitten wird, was sich bei Wind ohnehin leicht verbiegt.
In weiteren Vorträgen, in denen auch das bekannte Problem der "Schwarz-Pappeln" Beachtung fand, wurde in zahlreichen Beispielen beeindruckend vor Augen geführt, dass skelettierte Äste, die bei der Betrachtung eines Baumes zumindest als potenziell problematisch auffallen sollten, besonders dann ins Auge fallen, wenn man die Kronenarchitektur unter Berücksichtigung der Zugdreiecke betrachtet. All dies steht also in einem offenkundigen Zusammenhang, sodass es noch weniger verwundern kann, dass die seitlich ausladenden und freistehenden Äste der "Schwarz-Pappeln " vergleichbar eher brechen.

zugdreiecke

Die "Anwendung" von Zugdreiecken erbringt Hinweise auf problematische Entwicklungen
in der Baumkrone sowie für eine Dimensionierung möglicher Gegenmaßnahmen.
 
Wurzeln und Veredelung
Dr. Karl-Heinz Weber stellte interessante Vergleiche zwischen der Skelettierung der Wurzelverbünde durch Wurzelfäulen und der Skelettierung der Krone durch "Astreiniger“ vor. Es ist eine Binsenwahrheit, das Totäste in der Krone nicht selten das Spiegelbild von Wurzelverlusten zum Beispiel durch Wurzelfäulen sind. Neu ist die Betrachtung, dass in beiden Fällen mit Destabilisierungen durch die Auflösung von sich gegenseitig unterstützenden Verbünden zu rechnen sein könnte.
Bereits vor zehn Jahren wurde an gleicher Stelle vorgestellt, dass Veredelungsstellen bei Bäumen mechanisch durchaus problematisch sein können. Ergänzende Untersuchungen an jungen Linden sowie an gebrochenen und nicht gebrochenen Veredelungsstellen von Blutbuchen bestätigen diese Ergebnisse erneut. Eine Selbstskelettierung, bzw. eine „Sollbruchstelle“ kann durch Faserverwirbelungen entstehen, bei denen dann Holzstrahlen quer zu Stammachse auftreten können, die dann bei Längszug verhältnismäßig leicht auseinandergerissen werden können (vergleichbar mit Trocknungsrissen entlang von Holzstrahlen in einer geschnittenen Stammscheibe) aber auch durch Rindeneinschlüsse die u.U. nach vielen Jahren eher unproblematischer Entwicklung auch noch später, in einem höheren Alter, entstehen können.
Ergänzt wurden diese Vorträge durch einen Beitrag Wolfgang Leders, vom Straßen- und Grünflächenamt Berlin-Mitte, zur Praxis des Baumschnittes, der an urbanen Standorten je nach Alter und Baumart bestimmten Besonderheiten unterliegen sollte, wenn der baumarttypische Habitus unter den schwierigen Bedingungen am Straßenrand erhalten bleiben soll.
Der Jurist Oliver Wittek stellte nach einer kurzen Einführung zu den Grundsätzen der Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen exemplarisch wichtige Gerichtsurteile des letzten Jahres dar. Anhand von zwei Urteilen, die sich mit Unfällen im Zusammenhang mit Waldbäumen beschäftigten, wurde deutlich, dass für Verkehrsflächen die an Wälder angrenzen eine angemessene Baumkontrolle und Pflege vorzusehen, ist während nach den wenigen Urteilen zu Bäumen an Wander- und Wirtschaftswegen im Wald nicht von einer regelmäßigen Kontrollpflicht ausgegangen wird. Nach dem Urteil des LG Saarbrücken wären nur unmittelbar drohende Gefahren zu beseitigen. Zwei weitere Urteile beschäftigten sich mit baumartbedingt erhöhten Bruchrisiken und der Frage, ob bei Nichtberücksichtigung dieses Umstandes eine Haftung in Betracht kommt. Für den Fall einer Pappel wurde dies bejaht, für den Fall eines Götterbaumes nicht. Interessant war auch der Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes Berlin, das einen Anspruch auf Akteneinsicht der Eigentümerin eines Kraftfahrzeuges bejahte – hier der Unterlagen zur Baumkontrolle – die hierdurch einschätzen wollte, ob eine gerichtliche Weiterverfolgung eines Schadensersatzanspruches sinnvoll sei.
Ferner führte Wittek am Beispiel der Anne-Frank-Kastanie und der SIA-Methode aus, dass die Anwendung von Verfahren, die auf falschen fachlichen Annahmen basieren und die Erstellung eines darauf aufbauenden und somit unrichtigen Gutachtens grundsätzlich die Voraussetzungen der Fahrlässigkeit erfüllen können, wenn die Unrichtigkeit bzw. Ungeeignetheit des Verfahrens objektiv erkennbar ist. Bezüglich der VTA-Methode stellte Wittek fest, dass diese nicht nur in der Praxis und obergerichtlich anerkannt ist, sondern inzwischen auch Eingang in zahlreiche Regelwerke gefunden hat.
Referenten und Organisation
VTA Referenten
(v.l.n.r.:) Wolfgang Leder, Dr. Karlheinz Weber, Oliver Wittek, Erich Hunger, Erika Koch,
Prof. Dr. Claus Mattheck, Sebastian Hunger
Das nächste VTA-Spezialseminar findet zum inzwischen fast tradierten Zeitpunkt
am 8. und 9. Mai 2012 statt.

Prof. Dr. Claus Mattheck kündigte als Leitthema "Erstaunliches zu Wachstum und Mechanik der Wurzeln" an!
 
Text/Fotos:
NICOLAS A. KLÖHN

Sachverständigenbüro für Bäume
Von der IHK Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bruchverhalten, Verkehrssicherheit und Vitalität von Bäumen sowie für holzzersetzende Pilze in Bäumen
Dahlmannstraße 2
10629 Berlin
Mobil: 0177 - 230 10 51
www.baumdiagnostik.de
 
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