Bericht zur 16. VTA-Tagung am 4. und 5. Mai 2010
im Fortbildungszentrum für Technik und Umwelt, Karlsruher Institut für Technologie (KIT),
Campus Nord (ehem. Forschungszentrum Karlsruhe)

Innovation und Stabilität

Besonderheit der VTA-Tagung ist nicht nur das seit über eineinhalb Jahrzehnten konstant hohe fachliche Niveau mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch die internationalen Teilnehmer, die in diesem Jahr aus den Niederlanden, Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Schweden und Deutschland kamen. In Großbritannien und Italien fanden, vor und nach der zentralen VTA-Tagung im deutschen Sprachraum, Veranstaltungen mit 370 und 600 Teilnehmern statt. Damit ist VTA die etablierte Baumkontroll- und Untersuchungsmethode in Europa.

Auch neuen Teilnehmern gefiel sofort die sehr gute Stimmung und die auffallend hohe Kompetenz vieler Pausengespräche, deren Niveau wohl auffällig über dem Stand allgemeiner Anforderungen und gewisser Empfehlungen läge.

Im Eingangsbericht Prof. Dr. Claus Matthecks zum aktuellen Stand von VTA wurde dargestellt, dass es zuletzt, u.a. durch den Sturm Xynthia, eine gewisse unvermeidliche Häufung von Unglücksfällen mit Bäumen gab. Im Ergebnis der Auswertung wurden die bekannten Versagensmechanismen und damit VTA-Versagenskriterien wiederholt bestätigt. Es wurde auch bestätigt, dass berechnende Methoden ihre Grenzen an den korrekten Eingabedaten finden, die zwar mathematisch definiert, aber in der Natur de facto nicht ermittelbar sind. Mattheck weist nochmals darauf hin, dass Schub- und Separationsrisse wegen des höheren Versagensrisikos bei Separationsrissen unbedingt zutreffend unterschieden werden sollten.

Prof. Dr. Oliver Kraft verdeutlichte die Besonderheiten von Matthecks Wirken: Seine Erkenntnisse zum besseren Verständnis von Grundlagen der Mechanik revolutionieren nicht nur die Optimierung von Bauteilen in der Industrie, sondern sie bilden durch didaktisch genial einfache Denkwerkzeuge als eine Art „Volksmechanik“ auch eine Brücke in die Baumpflege. Prof. Kraft ist Leiter des Instituts für Materialforschung II des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Das KIT wurde 2009 als Zusam-menschluss des Forschungszentrums Karlsruhe und der Universität Karlsruhe gegründet.

Abb. oben
Mit der Anwendung der Zugdreiecke kann z.B. die Optimalform eines windexponierten Waldrandes erklärt und beurteilt werden.

Wie ein Roter Faden zogen sich Aufrechtigkeit, Belastbarkeit, Kronenform und Astschlankheit durch das Programm. Kronenaufbau und -form, die mit Denkwerkzeugen beurteilt werden können bzw. im Detail auf Problemäste und Schadhinweise zu beobachten sind, wurden aus verschiedener Richtung thematisiert.

Kraftkegel und Zugdreiecke dienen als Design(Denk-)werkzeug und Verständniswerkzeug für die Kräfte im Baum – sie helfen zu erkennen, wie Bäume hohe Schublasten zu vermeiden trachten und wo dies weniger gut gelingt. Gute erfahrene Baumpfleger haben problematische Äste immer als solche erkannt. Nun wird durch Denkwerkzeuge und wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse das Erfahrungswissen objektiviert und um Kenntnisse zu Erfordernissen und Folgen des Baumschnittes erweitert. Die „Konstanz der Tangentialspannung“ in der äußeren Form der Krone wird von Mattheck, mit dessen Denkwerkzeugen erklärt, verblüffend leicht verständlich. Auch zeigte er an einem angewandten Beispiel der Kraftkegelmethode, dass ein moderater Schnitt u. U. zu einem erhöhten Bruchrisiko führen kann, statt zu mehr Sicherheit!

Dr. Karlheinz Weber hat durch eine Studie am Beispiel fruchttragender Rot-Buchen ermittelt, welche Zusatzbelastungen bei Regen auf Äste einwirken können. Danach kann das Gewicht bei Regen im Durchschnitt um 30% zunehmen. Dies erklärt die Berichte aus der Praxis, nach denen es in Mastjahren bei Buche zu vermehrten Astbrüchen kommen kann.

Weitere Aspekte zu schlanken und kleinkronigen Ästen werden fundiert vertieft: Das „Versagen“ des schwach entwickelten Zugholzes unterdrückter Äste, der Sommerbruch, und die oberseitige Fäule durch „Massaria“ bei Platane sind sich mechanisch betrachtet ähnlich. Ferner wurde aufgezeigt, dass mit der durch die „Grenzlinie“ erkennbaren Ausdehnung der Holzzersetzung von „Massaria“ die Versagenswahrscheinlichkeit ansteigt. Ein Versagenskriterium lässt sich noch nicht ableiten, doch könnte sich durch weitere Proben noch ein solches ergeben.

Hochinteressant waren auch Webers Darlegungen, wonach ein mehrjähriger konsolenförmiger Pilz-Fruchtkörper der Form eines optimierten Biegebalkens entspricht. Wenn sich so vieles in der Natur mechanisch optimiert, sollen solche Strategien bei Pilzen noch verwundern? Dass diese Form zudem, belegt durch theoretische Schlussfolgerungen zur Aerodynamik und einem beeindruckenden Video aus der Natur, die Ausbreitung der Sporen in der Luft in größere Höhen, als die Ansatzhöhe des Fuchtkörpers begünstigt, hat fasziniert!

Weber bestach weiter durch logische Schlussfolgerungen: Wenn „Schiefe Fasern“ im Baum zur Bildung von Zugholz anregen, waren Zugholzfasern im durch Drehwuchs schiefen Holz nur noch nachzuweisen. Die Qualität Webers mikroskopischer Bilder wurden schon mehrfach bewundert, insbesondere von denen, die selbst mikroskopieren. Tatsächlich belegten Versuche, dass das in den vorgestellten Fällen von Rosskastanien generierte Zugholz bei Drehwüchsigkeit der Rissbildung entgegenwirkt.

Bei Baumunfällen stellt sich bisweilen die Frage nach dem Alter eines Pilz-Fruchtkörpers. Auf Grundlage von Literaturauswertung und eigener Untersuchungen stellte Weber eine praxistaugliche Übersicht vor, bei welchen Arten Altersangaben und bei welchen Abschätzungen unter welchen Bedingungen möglich sind.

Von IML gab es einige neue Geräteentwicklungen vorzustellen. Doch zunächst wurden die Auswirkungen von Frost bei Schalluntersuchungen und Bohrwiderstandsmessungen vorgestellt. Es kann zu Fehleinschätzungen kommen, wenn die schallleitende Eigenschaft gefrorenen Wassers in durchfeuchtetem Faulholz als Möglichkeit nicht bedacht wird. Auch der weniger erfahrene Resi-Anwender könnte bei Frost irritiert werden. Demnächst wird es einen IML-Resi geben, der neben der Torsionslast wie bisher, in einer separaten Messkurve auch die Vortriebsleistung darstellen kann. Vergleichende Betrachtungen der beiden Kurven könnten dann nicht nur „Frosteffekte“ aufdecken, sondern ermöglichen vor allem eine verfeinerte Diagnose bei Nasskernen und verschiedenen sehr frühen Holzzersetzungsphasen. Zudem hat die Schaftreibung an der Bohrnadel bei der neuen Vortriebsmessung praktisch keinen Einfluss auf die Messkurve. Diese Fähigkeiten werden viele Diagnostiker hoch zu schätzen wissen.

Für Ämter scheint der verblüffend einfache MD 300 eine nicht zu unterschätzende Option zu sein. Dieses Gerät erlaubt zwar keine Dokumentation, aber eine blitzschnelle Bohrkontrolle, die eine erste grobe Einschätzung einer Fäuleausdehnung erlaubt. Dieser „Quickshot“ schließt die Lücke zwischen rein visueller und eingehender aufwendigerer Untersuchung. Nach der Vorstellung wandelte sich eine vorsichtige Skepsis bei vielen Trägern der Baumkontrolle schnell in Begeisterung. Mit dem einfachen „Penetrometer“ können, wie Versuche Matthecks zeigen, vergleichbar genaue Ergebnisse zur Bodenscherfestigkeit erreicht werden, wie mit anderen aufwendigeren Verfahren.

Neue Urteile zur Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen wurden von Ass. jur. Oliver Wittek vorgestellt. Wirkliche Überraschungen zu Grundlegendem sind in der sich verfestigenden Rechtsprechung scheinbar nicht mehr zu erwarten. Die mit VTA eingeführten Grundlagen wurden wiederum durch mehrere Gerichte bestätigt, beispielhaft auch die bei VTA eingeführten Unterscheidungen eher gefährlicher und eher ungefährlicher Zwiesel (OVG des Saarlandes). Zudem ergibt sich aus einem Urteil des OLG Rostock, dass unbedingt auch kleine Pilzfruchtkörper zu beachten sind.

Daher kann das vorgestellte neues Buch „Haftung und Strafbarkeit der Baumbesitzer und Bediensteten bei der Verkehrssicherungspflicht für Bäume“ inzwischen auf „Grundfesten“ aufbauen. Besonders bemerkenswert sind zwei Aspekte: Am Ende des Buches gibt es eine sehr praktische Zusammenfassung der Kernaussagen. Ferner stellt der Autor Hugo Gebhard mehrfach die Etablierung von VTA als Stand der Technik und als Grundlage vieler wesentlicher Gerichtsentscheidungen fest. Weiter hat VTA als fachliche Grundlage auch in verschiedenen Richtlinien, u.a. beim Staatswald NRW, Eingang gefunden.

In einem Kommentar zu Entwicklungen in der Baumdiagnose stellt Mattheck eine Binsenwahrheit heraus: Eine „Neutralität“ zwischen den sich in den theoretisch Grundlagen vollständig widersprechenden Methoden zur Baumkontrolle und -diagnose kann es nicht geben. Ist eine richtig, wäre die andere falsch. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre Neutralität hier mehr als fragwürdig. Hochbedeutsam ist, dass der Sachverständige wie der Baumkontrolleur die fachlichen Grundlagen seiner Entscheidungen, im Zweifel auch einem Gericht, schlüssig darlegen kann. Voraussetzung hierfür ist, dass er die angewendete Methode in allen Schritten vollständig verstanden hat. Dies vorausgesetzt könne jeder Verantwortungsträger und jeder Sachverständige seine begründete Entscheidung treffen.

Das 17. VTA-Spezialseminar „Messen und Beurteilen am Baum“ findet am 10. und 11. Mai 2011 am gleichen Ort statt

NICOLAS A. KLÖHN
Sachverständigenbüro für Bäume
Von der IHK Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bruchverhalten, Verkehrssicherheit und Vitalität von Bäumen sowie für holzzersetzende Pilze in Bäumen
Dahlmannstraße 2
10629 Berlin
Mobil: 0177 - 230 10 51
www.baumdiagnostik.de
 
 
zurück zur Artikelübersicht