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15 Jahre „Grünes Labor“ in Coburg

Ein einmaliges Forschungsprojekt in Deutschland

 

Foto: Horst Schunk


(18.2.2016) Es war in den letzten Jahren zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten - das „Grüne Labor“, ein Versuchsgarten für Forschungszwecke in der oberfränkischen Stadt Coburg. Im Jahr 2000 entstanden, konnte es im November des vergangenen Jahres auf 15 Jahre Dienst an der Wissenschaft zurückblicken.


Das „Grüne Labor“ hat eine Ausdehnung von etwa 2500 Quadratmetern. Der Standort befindet sich auf einem Hügel im westlichen Teil Coburgs am sogenannten Himmelsacker. Es ist der erste deutsche Versuchsgarten für Bäume im urbanen Bereich. Ziel des Langzeitprojektes ist die Klärung der Fragen: Wie entwickeln sich unterschiedliche Gehölze in Zeiten, die durch einen beschleunigten Klimawandel geprägt sind? Wie verhalten sich Bäume untereinander? Welche Bäume eignen sich zukünftig für Städte und Gemeinden?

 

Chapterlogo 2000 gestaltung kesEin lebendes Vermächtnis wollte man schaffen

Begonnen hat alles Ende der 1990er Jahre. Analog zu dem damaligen Projekt "Tree America" des ISA Dachverbandes in den USA, wollte die ISA Germany/Austria als erstes europäisches Chapter ein ähnliches "Lebendes Vermächtnis" schaffen. Fragen zur Finanzierung, zum Standort waren zu klären, aber auch die Zustimmung der Mitgliedern des Chapters ISA Germany/Austria musste eingeholt werden. Dies bedeutete neben der Überzeugungsarbeit auch eine finanzielle und logistische Herausforderung. (Links das damalige Logo des ISA Chapters Germany/Austria, Grafik: kes)

 

 

1999
Start des Projekts im April 1999
Foto: Horst Schunk
 
Karl-Heinz Walzer und Hans-.Hermann Stöteler
Karl-Heinz Walzer (Bildmitte mit blauer Mütze) und Hans-Hermann Stöteler (im Vordergrund rechts). Foto: Horst Schunk

1998 nahm das Vorhaben Gestalt an
Seinerzeit befanden sich das Büro des, leider in 2014 zu früh verstorbenen Chapterpräsidenten Dipl-Chemiker Hartmut Schmidt (Bückeburg/Meinsen) und die Redaktion der BAUM-ZEITUNG (damals BZM Verlag, heute Haymarket, Thalacker Medien) gleichsam Tür an Tür im gleichen Gebäude der Firma Biochemische Fabrik Scheidler im ostwestfälischen Minden. Nebenbei bemerkt, ohne die finanzielle und logistische Unterstützung durch Scheidler/Minden hätte es zur damaligen Zeit noch kein ISA Chapter Germany/Austria gegeben, wobei dieses sicherlich nicht ganz uneigennützig geschah. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Standortsuche

Die finanzielle Frage war recht schnell geklärt, das Chapter stimmte zu, nun fehlte nur noch der geeignete Standort. Dass der Standort möglichst zentral in Deutschland zu suchen sei, darüber war man sich schnell einig.
Da die damalige Redaktion der BAUM-ZEITUNG schon seit den 1980 Jahren einen guten Kontakt zum Gründer und Vorsitzenden des Vereins „Baumschutz Coburg e. V.“ Horst Schunk hatte und der Chapterpräsident Hartmut Schmidt auf dessen Einladung schon im April 1996 als Referent an der Großveranstaltung „Freund oder Feind – Der Baum in der Stadt“ des Vereins „Baumschutz Coburg e. V.“ teilnahm, bestand somit auch schon ein guter persönlicher Kontakt. Ende 1998 fragte der Chapterpräsident Schmidt telefonisch bei Horst Schunk an, ob Interesse seitens der Stadt Coburg bestehen könnte, sich für solch einen Versuchsgarten für Bäume zu bewerben. Horst Schunk nahm umgehend Kontakt mit dem Leiter des Grünflächenamtes Coburg, Gerhard Seiffert, auf und dieser signalisierte grundsätzliches Interesse und Coburg bewarb sich um dieses Projekt.

 

Baumpflanzung
Pflanzung einer Stieleiche und einer Hecke durch Schulkinder und Chapterpräsident Hartmut Schmidt. Foto: Horst Schunk
 
Beginn der Pflanzarbeiten
Pflanz- und Wegebauarbeiten im Jahr 2000. Das „Grüne Labor“ nimmt Gestalt an.
Foto: Horst Schunk
 
Übergabe an die Stadt Coburg
Übergabe des „Grünen Labors“ an die Stadt Coburg. Von links nach rechts: Ludwig Frenking, Adam Hauer, Volker Musbach, Hartmut Schmidt, Siegfried Pescha, Horst Schunk, Karl-Heinz Walzer.
Foto: Archiv Schunk

Coburg erhält den Zuschlag

Das ISA-Projekt wurde deutschlandweit ausgeschrieben. Unter den acht Städten, die sich beworben hatten, erhielt die Stadt Coburg letztendlich den Zuschlag.
Ausschlaggebend war u. a. die Zusage der Stadt, dass das Areal langfristig nicht verkauft oder bebaut wird, sowie der Einsatz des Vereins „Baumschutz Coburg e. V.“ mit seinem Vorsitzenden Horst Schunk, der auch als Stadtrat für den Baumschutz eintrat. Insgesamt zeigte sich, dass Coburg eine baumfreundliche Kommune war und es mit dem „Baumschutz Coburg e. V.“ einen Baumschutzverein gab, der in der Form zur damaligen Zeit in Deutschland wohl einzigartig war.

In ihrer Vorstandssitzung vom 22. April 1999 beschloss die deutsch-österreichische Sektion der ISA endgültig die Realisierung des Vorhabens unter dem Namen „Lebendes Labor“ in Coburg.
Der Begriff „Lebendes Labor“ wurde indes recht bald in „Grünes Labor“ geändert, denn es wurden Vermutungen laut, man werde dort womöglich Versuche an Tieren vornehmen.

 

Die Umsetzung des Konzepts

Mit der Planung für das „Grüne Labor“ wurde der Landschaftsarchitekt Ing. Karl-Heinz Walzer aus Wien, seinerzeit Präsident des österreichischen Teils des Chapters, betraut. Diesem oblag damit die Planerstellung und die Auswahl der zu pflanzenden Gehölze. Unterstützung wurde Karl-Heinz Walzer vom Mitglied des Chaptervorstandes Hans Hermann Stöteler aus dem münsterländischen Ahaus zuteil, welcher zudem im Laufe der Jahre mehrmals als Sponsor des „Grünen Labors“ in Erscheinung trat. Horst Schunk gab als zusätzlicher Betreuer Anregungen und fungierte als Mittler zwischen den Initiatoren.
Nach Abschluss der Planungen wurden die Arbeiten zunächst im Raum Coburg ausgeschrieben. Da sich bei dieser ersten Ausschreibung keine Landschaftsbaufirma für den Auftrag fand, erfolgte eine zweite Ausschreibung, in deren Folge die Firma von Hans Hermann Stöteler den Zuschlag erhielt.

Das Grünflächenamt Coburg zeichnet verantwortlich für die Grundpflege des Projekts. Als Herstellungswert für das „Grüne Labor“ wurden nach Angaben der Stadt Coburg 75.000 DM berechnet.

Auf dem etwa 2.500 Quadratmeter großen Areal sollten gemäß der Planungen die Pflanzung von Bäumen der gemäßigten Klimazone weltweit, die im urbanen Bereich der vorliegenden Klimazone eingebracht werden können erfolgen. Die Planungen sahen die Pflanzung in verschiedenen Substraten, Pflanzsystemen, das Pflanzen verschiedener Baumgattungen- und arten vor. Zusätzlich waren für den Einfassungsbereich, als Alternativen zu Koniferenhecken, Hecken und Nutzpflanzen für Fruchtgenuss als Musterpflanzungen vorgesehen.

 

Der Start des Projekts
Im April 1999 startete, mit der Pflanzung einer Stieleiche und einer Hecke durch Schulkinder, das ehrgeizige Projekt. Das Grünflächenamt der Stadt, vorrangig durch Wolfgang Eidloth vertreten, legte einen Fußweg ins Gelände, später wurden noch Verbisszäune und ein großes Gatter installiert. Hans-Hermann Stöteler brachte sogar einige der Gehölze persönlich mit.
Die Firma Brosta Werbetechnik/Ahorn stiftete ein Hinweisschild im Eingangsbereich. Die Grafik für das Schild wurde aus Minden geliefert.

 

Mehr als 80 Baumarten wurden gepflanzt

Bei Pflanzungen im März 2000 wurden Exemplare von über 80 Baumarten gepflanzt, die am Standort in Coburg gedeihen können. Darunter sind typische Stadtbäume, aber auch Bäume aus Wald und Feld sowie Obstbäume. Es wurden sowohl einheimische als auch exotische Arten gepflanzt. Darunter sind Nadelbäume der Gattungen Fichten, Kiefern, Thujas und Hemlocktannen sowie der Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum); an Laubholzgattungen sind Birken, Hartriegel, Linden, Eschen, Speierling, Mehlbeeren und Kirschen vertreten. Im „Obstlabor“ wurden 17 Apfelsorten gesetzt.

 

Horst Schunk - Über den Tag hinaus - Leben mit BäumenAuch Coburger Bürger spendeten Bäume für das „Grüne Labor“

Ergänzend wurden am Nordrand des Areals Johannisbeeren, Mispeln und Quitten gepflanzt. An einigen noch freien Stellen im „Grünen Labor“ wurden im Nachgang weitere Bäume von baumfreundlichen Bürgern spendiert und gepflanzt, darunter Flügelnuss, Walnussbaum, Götterbaum, Italienische Erle und Schnurbaum.
Aus organisatorischen Gründen kam es mit Beginn des Jahres 2001 zu einer Auflösung des Chapter Germany/Austria. Die nunmehr selbstständigen ISA Chapter in Deutschland und Österreich arbeiten indes weiterhin eng zusammen.
Wolfgang Eidloth vom Grünflächenamt Coburg betreute diese Einrichtung in den ersten Jahren seitens der Stadt Coburg. Hans-Hermann Stöteler, ISA Germany und Josef Klaffenböck von der ISA Austria waren und sind stets begleitende Personen.
Wie Horst Schunk in seinem Buch „Über den Tag hinaus - Leben mit Bäumen“ schreibt, zeigten sich bald erste Ergebnisse: „Die Hemlocktanne fiel auf diesem Standort aus, die Strobe tat sich schwer. Schneeflockensträucher waren erfroren. Dagegen zeigten sich Tulpenbaum, Speierling und Schwarznuss, eher als emp­findlich bekannt, nach einigen Jahren erstaunlicherweise gut, ein erster Hinweis darauf, dass diese Bäume für unsere Städte und Gemeinden durchaus geeignet sein könnten, um andere Arten, zwischenzeitlich mehrheitlich ausgefallen – z.B. Ulmen, zu ersetzen, zumindest aber zu ergänzen.“
(→ weitere Informationen zu dem Buch)

 

Symbolische Scheckübergabe
Der deutsche ISA-Vizepräsident Hans-Hermann Stöteler (Bildmitte) überreicht im April 2005 Prof. Dr. Hartmut Balder im Beisein der Vizepräsidentin für Forschung der TFH Berlin Prof. Gudrun Görlitz (rechts) sowie der Dekanin des FB V Prof. Dr. Kamp (links) symbolisch einen Scheck.
Foto: Beuth Hochschule für Technik Berlin
 
Studenten der Beuth Hochschule für Technik Berlin
Angehende Gartenbauingenieure im "Grünen Labor“. Foto:Horst Schunk
 
2015 symbolische Scheckübergabe
Prof. Dr. Hartmut Balder erhält für weitere wissenschaftliche Untersuchungen einen Sponsoring-Scheck überreicht.
(von links nach rechts) Pro. Dr. Hartmut Balder, Hans-Hermann Stöteler, ISA Germany und Josef Klaffenböck, ISA Austria. Foto: Horst Schunk

Später kam es vereinzelt bei Bäumen zu Fraßschäden und Wildverbiss. Bei den Baumpflegetagen 2007 in Augsburg wurden pflegende Maßnahmen für die geschädigten Gehölze vereinbart.


Umfassende wissenschaftliche Auswertungen

Eine Herausforderung wartete 2005 auf die Studierenden der Beuth Hochschule für Technik Berlin, denn mit Prof. Dr. Hartmut Balder wurde im Februar 2005 die wissenschaftliche Begleitung des Projekts gewonnen. Angehende Gartenbauingenieure werden die Entwicklungen im "Grünen Labor" auswerten. Die Beuth Hochschule für Technik Berlin wurde aufgrund ihrer seinerzeitigen geänderten Ausrichtung hin zum urbanen Gartenbau in Lehre und Forschung mit dieser umfassenden wissenschaftlichen Auswertung beauftragt.

Die Ergebnisse sind die Basis für weitergehende Pflanzungen in mehreren europäischen Ländern, um für urbane Standorte die Gehölzarten der Zukunft zu erkennen - für Baumschuler, -pfleger und Pflanzenverwender eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Der damalige Vizepräsident der deutschen ISA, Hans-Hermann Stöteler, überreichte dem Leiter des Projektes Prof. Dr. Hartmut Balder symbolisch einen ersten Scheck in Höhe von 1.000 Euro, um damit den Startschuss für die Untersuchungen zu geben. Für die zwei Folgejahre hatte die Firma Stöteler, Aahaus, jeweils den gleichen Betrag zur Verfügung gestellt.

 

Gehölze sind in ihren Reaktionen träge Pflanzen, ihre endogenen Eigenschaften kommen daher erst nach Jahren zum Ausdruck. Im Gegensatz zur Forstwissenschaft gibt es in der urbanen Pflanzenverwendung keine langfristigen Studien, diese sind angesichts der beachtlichen Investitionen für Pflanzeneinkauf, Pflanzung und Pflege oder unter dem Aspekt veränderter Rahmenbedingungen (z. B. Klimaerwärmung, Gründesign) mehr als notwendig. Nach fünfjähriger Gehölzentwicklung stand somit 2005 die erste Auswertung an.
Prof. Dr. Hartmut Balder betreut mit seinen Studenten in regelmäßigen Abständen das „Grüne Labor“ und wertet Ergebnisse aus. Angelegt wurde das „Grüne Labor“ als Langzeitprojekt, das kommenden Generationen grundlegende Ergebnisse zur Verfügung stellen soll. Als zusätzlicher Effekt wird der „Baumschutzgedanke“ gesehen


Das „Grüne Labor“ steht auch der Bevölkerung offen
Der Versuchsgarten steht den Bürgern offen, er kann jederzeit besucht und begangen werden. Die Zufahrt ist beschildert. Horst Schunk, Autor des Baumschutzbuches „Über den Tag hinaus – Leben mit Bäumen“, bietet Begehungen im „Grünen Labor“ an.
Damit die wissenschaftlichen Untersuchungen durch die Beuth Hochschule für Technik Berlin auch künftig gesichert bleiben, wurde am 9. November 2015 vor Ort ein Scheck an Hartmut Balder übergeben.

 

 

Am gleichen Tag wurde auch ein neues Schild im „Grünen Labor“ aufgestellt, welches nun auch einige der Sponsoren der Einrichtung berücksichtigt.
(kes)


Quellen: archiv kes, Horst Schunk, Wikipedia




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