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Kritik an EU-Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln

Studie: Bestehende Risikobewertung für Pflanzenschutzmittel in der EU ist praxisfern

 

Pflanzenschutzmittel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(12.12.2013) Das Verfahren zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln in der EU bedarf einer Überarbeitung. Dies bestätigt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Umweltwissenschaften Landau an der Universität Koblenz-Landau. Demnach ist die in Gewässern nachgewiesene Menge an Mitteln gegen Pilzbefall (Fungizide) oft deutlich höher als die aktuellen Berechnungsmodelle im Zulassungsprozess vorhersagen. Bereits im vergangenen Jahr zeigte eine Studie des Instituts ein ähnlich alarmierendes Ergebnis bei Mitteln gegen Insektenbefall (Insektizide).


Knapp die Hälfte aller in der EU eingesetzten Pflanzenschutzmittel sind Fungizide. Da sie in der Regel zur Vorbeugung dienen, werden sie regelmäßig in größeren Mengen ausgebracht, insbesondere im Weinbau. Etwa bei Regen werden die Mittel in Flüsse und Seen geschwemmt, wo sie in höheren Konzentrationen Effekte auf Tiere und Pflanzen hervorrufen können. Denn viele Fungizide wirken nicht spezifisch gegen Pilze, sondern verhindern allgemeine Prozesse in Zellen wie die Energieproduktion oder deren Teilung.
Um die Konzentrationen von Pflanzenschutzmitteln in Gewässern nach deren korrekter Anwendung in der Landwirtschaft zu berechnen, verwendet die EU seit Ende der 1990er Jahre mathematische Simulationsmodelle (FOCUS-Modelle). Diese sind für den Zulassungsprozess gesetzlich vorgeschrieben. Nur wenn die damit vorhergesagten Konzentrationen unterhalb der ökologisch bedenklichen Wirkschwelle liegen, darf ein Pflanzenschutzmittel in Europa zugelassen werden. Jedoch wurde bislang nicht ausführlich geprüft, ob die Prognosen mit den tatsächlich gemessenen Werten übereinstimmen.

 

Umfassende europäische Datenbasis

Das Institut für Umweltwissenschaften Landau hat bereits im vergangenen Jahr nachgewiesen, dass es bei Insektiziden keinen statistischen oder auch nur augenscheinlichen Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis gibt. In bis zu vier von zehn Fällen war die tatsächliche Belastung der Gewässer höher als vorausberechnet, bei neueren Insektiziden sogar häufiger. Nun hat die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Ralf Schulz 417 ermittelte Feldkonzentrationen von Fungiziden in Gewässern und Sedimenten mit den durch FOCUS vorhergesagten Umweltkonzentrationen verglichen. In 12 bis 23 Prozent der Fälle waren die tatsächlich gemessenen Werte in Gewässern höher. Nach Eingrenzung auf EU-Studien und 90-Prozent-Werte (Perzentile) ergeben sich mit bis zu 43 Prozent noch höhere Fehlerquoten als bei Insektiziden. Bei Sedimenten wurden sogar bis zu 76 Prozent der verglichenen Fälle unterschätzt.

 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Voraussagen durch FOCUS weder die Pflanzen- und Tierwelt in Gewässern schützen noch die später tatsächlich in Gewässern auftretenden Fungizid-Konzentrationen angemessen vorhersagen“, erklärt Prof. Dr. Ralf Schulz vom Institut für Umweltwissenschaften Landau.. „Eine Überarbeitung der Risikobewertung für zahlreiche in der EU zugelassene Wirkstoffe unter Berücksichtigung der aktuellen Ergebnisse ist daher zu empfehlen.“

Im Vergleich zu Insektiziden und Herbiziden (Unkrautvernichtungsmittel) ist über die Auswirkungen von Fungiziden auf Ökosysteme noch wenig bekannt. Erste Studien deuten jedoch darauf hin, dass sie unter Umständen einen starken Effekt auf Amphibien wie Frösche und Lurche haben.

 

Neben einem ungeeigneten Berechnungsmodell können abweichende Werte auch an einem falschen Ausbringen der Pflanzenschutzmittel durch Landwirte oder unzureichende Anwendungshinweise der Hersteller liegen. Doch selbst eine mangelnde Einhaltung von Pufferzonen würde nur etwa die Hälfte der zu hohen Werte erklären. In neun von zehn Fällen ist die Abweichung zwischen Vorhersage und Realität größer als 30 Prozent.

„Wir konnten weder bei Insektiziden noch bei Fungiziden einen statistischen Zusammenhang zwischen den berechneten und gemessenen Werten erkennen“, ergänzt Schulz. „Die Vorhersagen von FOCUS erweisen sich daher für die Praxis als unzuverlässig und sollten durch ein überarbeitetes und angepasstes Modell ersetzt werden. In jedem Fall müssten nach wenigen Jahren anhand der tatsächlich ermittelten Konzentrationen von Pflanzenschutzmitteln deren Zulassung und Anwendungshinweise überprüft und gegebenenfalls modifiziert werden. Entsprechend benötigen wir auch in Deutschland regelmäßig und unabhängig gewonnene Daten zur Belastung von Gewässern mit Pflanzenschutzmitteln.“

 

Die Studie:
„Fungicide Field Concentrations Exceed FOCUS Surface Water Predictions: Urgent Need of Model Improvement“, Anja Knäbel, Karsten Meyer, Jörg Rapp and Ralf Schulz.
Die Studie wurde am 3. Dezember 2013 in der Fachzeitschrift "Environmental Science & Technology" zunächst online veröffentlicht → zur Studie


 

 

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