Arboristik - Baumpflege

Baumpflege  |  Nachrichten  |  Produkte  |  Schadorganismen  |  Wissen  |  Recht

 

 

Mit dem städtischen Baumkontrolleur unterwegs

Michael Schenk begutachtet in Hanau übers Jahr 23.000 Bäume

Mit dem städtischen Baumkontrolleur unterwegs
Foto: Stadt Hanau

 

(8.12.2016) Der Laie erkennt keinen Unterschied, wie der Stamm einer näher zu untersuchenden alten Linde beim Schlag mit dem Schonhammer an unterschiedlichen Stellen klingt. Michael Schenk hingegen schon. Der zertifizierte Baumkontrolleur des städtischen Eigenbetriebs Hanau Infrastruktur Service (HIS) hört sofort heraus, wo sich ein Hohlraum hinter der Rinde befindet und wo nicht. Ein Anzeichen, das womöglich auf Fäule bei der Linde in der Wilhelmsbader Allee schließen lässt.

 

 

An durchschnittlich 110, in den allermeisten Fällen gesunden städtischen Bäumen macht Schenk an jedem Arbeitstag seine Kontrolle. Bei Verdacht auf eine Anomalie des Stammes kommt der Schonhammer zum Einsatz. Bei jedem Baum begutachtet er mit geübtem Auge den Zustand von Wurzelbereich, Stamm, Ästen und Krone.

Baumkontrolleur  Schenk
Der städtische Baumkontrolleur Michael Schenk in Aktion. Er überprüft mit dem Schonhammer einen vorbelasteten Baum, ob dessen Standsicherheit noch ausreicht. Foto: Stadt Hanau

Etwa 23.000 Bäume inspiziert der städtische Eigenbetrieb HIS im Jahr. Kein Wunder, dass Stadtrat Andreas Kowol folgert: „Wir kümmern uns um unsere Bäume.“

 

Eine Vorliebe für Bäume hatte Schenk schon immer. Seit 2004 ist der 49-Jährige als „Stamm- und Ast-Kontrolleur“ im Einsatz, sein Vorgänger hatte ihn monatelang eingearbeitet. Das ganze Jahr über, aber nicht bei starkem Regen und Schnee, denn bei Niederschlag ist die Sicht auf Äste und Kronen unzureichend. Regelmäßige Lehrgänge und Fortbildungen hält HIS dafür unabdingbar. „Diese Fortbildungen drehen sich in erster Linie um Baumstatik, Pilz- und Schädlingskunde und Rechtsprechung“, erläutert Schenk.

 

Bei der Baumstatik geht es z.B. darum, wie hohl ein Stamm sein darf, damit der Baum noch verkehrssicher steht. Die Pilz- und Schädlingskunde behandelt nicht nur gängige Schädlinge wie den Borken- und den Eichensplintkäfer, sondern auch in den vergangenen Jahren neu hinzu gekommene wie den Eichenprozessionsspinner und die Massaria-Krankheit an Platanen. Er weiß: „Trockene, heiße Sommer wie der im vergangenen Jahr schwächen die Bäume und machen sich noch bis zu drei Jahre lang bemerkbar“.

 

Ein Problem speziell in der Wilhelmsbader Allee ist auch der wiederkehrende Bewuchs mit Misteln. Schenk lenkt den Blick auf diese Halbparasiten, die dem Laien aufgrund ihrer Blattstruktur erst bei genauerem Hinsehen in den belaubten Linden auffallen. „Nass werden die Misteln extrem schwer und damit für die Bäume zu einem statistischen Problem“, beschreibt der städtische Baumkontrolleur die Krux. Vor wenigen Jahren erst herausgeschnitten, haben sie die teils mehr als hundert Jahre alten Alleebäume schon wieder befallen.

 

Wer genau hin sieht, erkennt anhand der Zeichen am Baumstamm, wo Schenk im Stadtgebiet im jeweiligen Jahr schon auf Inspektionstour war. Grüne Sprühfarbe ist 2016 das Erkennungssymbol, Rosarot war es im vorigen Jahr. Ein bloßer Punkt besagt, dass es nichts zu beanstanden gab. Ganz selten vermerkt Schenk ein „F“ für Fällen; wobei die Untere Naturschutzbehörde das gegenprüft und im Zweifelsfall ein neutraler Gutachter entscheiden muss. „Das zeigt, dass wir nicht mir nichts, dir nichts städtische Bäume fällen“, verdeutlicht HIS-Betriebsleiter Markus Henrich.

 

Resistograph
Das Bohrwiderstandsmessgerät (Resistograph) dient der näheren Überprüfung, wie stabil oder hohl der Baumstamm an verschiedenen Stellen ist. Foto: Stadt Hanau
 
Aufzeichnung
Der Kurvenverlauf des Diagramms mit mehr oder minder regelmäßigen Zacken zeigt: An dieser Bohrstelle ist der Baumstamm gesund. Foto: Stadt Hanau

An einer Linde in der Wilhelmsbader Allee hat Schenk die Buchstaben „NU“ verzeichnet; das steht für „Nähere Untersuchung“. Hier haben seine Kontrollschläge mit dem Schonhammer auf Hohlräume mit möglicher Fäulnis hingewiesen, nachdem die in Folge eines Auto-Anfahrschadens geschädigte Rinde an dieser Stelle Jahre später wieder zugewachsen ist.

 

Um dem weiter nachzugehen, setzt Schenk das Bohrwiderstandsmessgerät (Resistograph) ein. Dabei handelt es sich um einen rund halben Meter langen Aufsatz auf einen Akkuschrauber. Der Aufsatz hat an seiner Stirnseite einen einschiebbaren Messtreifen mit Wachspapier und an der Vorderseite einen Bohrer. Dieser dringt bis zu 40 Zentimeter in den Stamm ein und zeichnet wie bei einem Seismografen festes Holz und Hohlräume als Diagramm auf, erkennbar an zackigen Ausschlägen auf dem Papier oder einer Delle für Schwachstellen im Stamm. Viermal, aus jeder Himmelsrichtung setzt Schenk das Spezialgerät am Stamm an, um nähere Aufschlüsse zu erhalten, wie sicher der Baum noch zu stehen vermag. Doch selbst nach der vierten Aufzeichnung, die er später noch für die Akten kopieren wird, wagt er keine abschließende Aussage, ob diese Linde zu fällen oder zu kürzen ist, um der Windlast Stand zu halten. „Das muss ich mir noch mal in aller Ruhe ansehen“, so drückt er die Sorgfalt seiner bevorstehenden Entscheidung aus. Immerhin sei diese Linde durch die Nachbarbäume gut vor Wind geschützt, das spreche für den Erhalt mindestens bis 2017.

 

Kleine schwarze Plaketten am Stamm lassen darauf schließen, dass Schenk an diesem schon mit dem Spezialmessgerät zugange war. Sie deuten darauf hin, dass ein solcher Baum sozusagen unter besonderer Beobachtung steht. Im Unterschied zu gesunden Exemplaren kontrolliert er hier öfter als einmal im Jahr.

In nicht mehr so ferner Zukunft wird Schenks Arbeit dadurch erleichtert, dass alle Baumdaten elektronisch

erfasst werden und jeder Baum eine Markierung mit einem Strichcode am Baum erhält. Näher erläutert das HIS-

Kontrollplakette
Dieses Schild zeigt: Den Baumstamm hat Michael Schenk schon näher untersucht. Foto: Stadt Hanau

Betriebsleiter Henrich so: „Wir bauen ein Kataster auf, das alle städtischen Bäume registriert und Aufschluss über ihren Zustand gibt.“
Bisher erfolgt das noch in Papierversion, deswegen fertigt Michael Schenk von den Messprotokollen aus dem Bohrer stets noch Kopien für die Akten. „Das ist wichtig, falls es zu einem Rechtsstreit wegen eines umgestürzten Baums kommt“, erklärt er.

Als nächste Bäume auf seiner Tour sind Eschen an der Reihe. „Dann muss ich die Klopfproben extrem vorsichtig machen“, weiß Schenk. Im Unterschied zur Linde bestehe bei dieser Art besonders im Frühjahr die Gefahr, dass die Rinde durch zu festes Klopfen beschädigt werden könnte. Dies aber wäre nicht im Sinne des städtischen Baumerhalters.

(Quelle: Stadt Hanau)

 

 

 

zurück zur Übersicht oder zur Startseite



2003 - 2016 - arboristik.de - All rights reserved

Bohrwiderstandsmessgerät diagramm baumplakette