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VTA als Stand der Technik für Baumkontrollen

Visual Tree Assessment - ein seit vielen Jahren erprobtes und praxisgerechtes Bewertungsverfahren

 

Visual Tree Assessment

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(14.5.2013) Die Visual Tree Assessment (VTA)-Methode(*) ist eine systematische Baumkontrollmethode. Sie interpretiert die Körpersprache der Bäume, hilft deren Warnsignale zu deuten, Defekte zu bestätigen und zu vermessen und dies alles mit Versagenskriterien zu bewerten. Die VTA-Methode ist ein seit vielen Jahren erprobtes und praxisgerechtes Bewertungsverfahren für eine differenzierte Beurteilung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen. Entsprechend dem Axiom konstanter Spannung, nach dem ein Baum eine gleichmäßige Spannungsverteilung auf all seinen Oberflächen anstrebt und Sollbruchstellen zu vermeiden trachtet, versucht er, von Defekten verursachte Spannungserhöhungen durch verstärktes Dickenwachstum abzubauen („Reparaturwachstum“). Die auf diese Weise gebildeten Veränderungen sind sichtbare Symptome, die als Warnsignale in der Körpersprache der Bäume auf die Schädigung hinweisen. Die VTA-Methode ordnet den Symptomen die verursachenden Defekte zu. Diese Rückschlüsse wurden mehrfach abgesichert, in dem sie mithilfe computergestützter Verfahren rechnerisch nachgebildet und auch in Feldversuchen bestätigt wurden.
Im folgenden Beitrag wird aufgezeigt, dass die weltweit verbreitete VTA-Methode rechtlich sowohl vor den Gerichten als auch in der nationalen und internationalen Normgebung akzeptiert ist und damit als Stand der Technik bei Baumkontrollen angesehen werden kann.

 

I. Die rechtliche Anerkennung von VTA

Die Grundsätze zur Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen hat der Bundesgerichtshof in seinem grundlegenden Urteil vom 21.01.1965 (NJW 1965, 815 und VersR 1965, 475) festgelegt. Dieses Urteil ist richtungsweisend für den Umfang der Verkehrssicherungspflicht für Straßenbäume und wurde im Laufe der Jahre durch unzählige weitere Gerichtsentscheidungen konkretisiert. Viele dieser Urteile bis hin zu ober- und höchstrichterlichen Entscheidungen basieren auf der VTA-Methode, die mehr als jede andere Methode der Baumkontrolle Eingang in die Rechtsprechung gefunden hat.
Das OLG Hamm hat in seinem Urteil vom 24.09.2004 (Az.: 9 U 158/02) ausdrücklich klargestellt, dass bei Anwendung der VTA-Methode die an die Erfüllung der Verkehrssicherungspflicht zu stellenden Anforderungen grundsätzlich erfüllt werden. Gemäß dem Urteil des OLG Hamm vom 30.03.2007 (Az.: 13 U 62/06) ist VTA schon „seit langem in der Rechtsprechung anerkannt“.

 

Auch in der Rechtsprechung ausländischer Gerichte spielt die VTA-Methode eine Rolle, wie durch das nachfolgend dargestellte Urteil des High Court of Justice, London, verdeutlicht werden soll, bei dem es um einen Astabbruch auf einem Waldweg ging. Konkret hatte der High Court of Justice in London in seinem Urteil vom 27.07.2011 (Az.: HQ10X01869) über folgenden Sachverhalt zu entscheiden:


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Am 26.06.2007 war eine Gruppe Schulkinder mit ihrem Lehrer in einem Waldgebiet der Beklagten auf einem Wanderpfad unterwegs, als es zu regnen begann und sich die Gruppe unter einer 160-180 Jahre alten Buche unterstellte. Ohne Vorwarnung brach ein 21,7 m langer und ca. 1 ½ bis 2 t schwerer Starkast aus rd. 9 m Höhe ab und fiel auf die Gruppe. Eines der Kinder verstarb, drei andere erlitten schwerste Verletzungen. Der Baum war zuletzt am 02.01.2007 einer eingehenden Sichtkontrolle unterzogen worden. (**)

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Das Gericht wies die Klage der drei Kinder sowie der Mutter des verstorbenen Kindes ab, da der Beklagten keine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht vorgeworfen werden konnte.
Bezüglich der Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht finden sich im Urteil Aussagen, die denen deutscher Urteile ähnlich sind:

 

Bäume können nicht vollständig sicher sein. Entscheidend ist daher, ob bei der Baumkontrolle die Sorgfalt angewendet wurde, die bei den gegebenen Umständen erforderlich und von einem entsprechend geschulten Baumpfleger zu erwarten war.

Die Baumkontrolleure müssen nur äußerlich erkennbare Defekte identifizieren können. Weitergehende Untersuchungen sind in der Regel nicht notwendig, es sei denn der Baum weist Defektsymptome auf.

Die Kontrolle von Bäumen wird vom Boden aus durchgeführt nach der von Herrn Prof. Mattheck begründeten VTA-Methode („All agree that inspection of trees for safety purposes is carried out from ground level – a system called visual tree assessment or VTA, first defined by Professor Mattheck“, Rn. 21; in Rn 36 wird dann auch noch das Buch “Die Körpersprache der Bäume” – “The body language of trees“ von Prof. Mattheck zitiert).

 

Vorliegend war die Ursache des Astbruches, dass auf der Astoberseite im Bereich der Zwieselnaht eine Delle war, beidseitig berandet von Zuwachswülsten als Reaktion auf die Kraftflussumlenkung um die Delle. Da die Delle vom Boden aus nicht erkennbar war und der Zwiesel allein keinen Anlass zur näheren Untersuchung hatte geben müssen, da der Baum in einem Bereich des Waldes stand, der nur selten begangen wurde (im Schnitt gingen 14 Personen am Tag am unfallursächlichen Baum vorbei), konnte der Beklagten keine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht nachgewiesen werden. Die Baumkontrolleure, die den Baum am 02.01.2007 einer Sichtkontrolle unterzogen hatten, hatten keine Fruchtkörper oder Anzeichen von Schwäche an den Astanbindungen erkennen können. Die Baumkontrolleure hatten bei der Kontrolle des Baumes die erforderliche Sorgfalt angewandt, die man vernünftigerweise erwarten konnte, und sie waren von der Beklagten auch hinreichend geschult worden.
Auch wenn das Urteil für Streitfälle vor deutschen Gerichten keine unmittelbare Wirkung entfaltet, ist es ein weiterer Beleg für die rechtliche Akzeptanz der VTA-Methode, die nicht nur in der deutschen Rechtsprechung, sondern auch bei ausländischen Gerichten als die Methode der Baumkontrolle angesehen werden kann.

 

II. VTA in der deutschen und internationalen Normgebung

VTA ist nicht nur in der Praxis und vor Gericht anerkannt, sondern hat auch in zahlreichen nationalen und internationalen Regelwerken Eingang gefunden.

1) Deutsche Regelwerke (beispielhafte Aufzählung):


Die „Hinweise zur Wahrnehmung der Verkehrssicherungspflichten der Thüringer Landesforstverwaltung auf forstfiskalischen Grundstücken“ i.d.F. vom 24.01.2007 sehen die VTA-Methode als geeignete Methode für die Sichtkontrolle vor.

Die Berliner Forsten haben seit 2008 eine VTA-gestützte Dienstanweisung..

Die Dienstanweisung zur Baumkontrolle und Baumpflege im Bereich der Stadt Bad Homburg v.d. Höhe vom 01.02.2009 sieht in Ziffer 2.3 vor, dass „Grundlage der Kontrollen zur fachgerechten Einschätzung von Schadensmerkmalen das Visual-Tree-Assessment ist“.

Ab dem 01.01.2010 gilt für alle Förster des Staatswaldes von Nordrhein-Westfalen eine Betriebsanweisung zur Verkehrssicherungspflicht auf VTA-Basis.

Der Leitfaden zur Verkehrssicherungspflicht des Müritz-Nationalparks (Stand Februar 2010) sieht vor, dass die Beurteilung der Bäume nach den Regeln von VTA erfolgt.

Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat am 18.01.2011 eine Verwaltungsvorschriften über die Kontrolle der Verkehrssicherheit von Bäumen erlassen, in der in Ziffer 2.1 Absatz 3 Folgendes bestimmt wird: "Die Baumkontrolle ist nach dem gegenwärtigen Stand der Technik, Erfahrung und Fachkunde durchzuführen. Sie hat nach den Grundsätzen der Visual-Tree-Assessment - (VTA)-Methode zu erfolgen."

Gemäß der Dienstanweisung der Stadt Wolfenbüttel zur Baumkontrolle vom 10.04.2012 sind die Regelkontrollen auf der Grundlage der VTA-Methode nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung, Technik, Erfahrung und Fachkunde durchzuführen.

In den Hinweisen des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, Forst BW, betreffend die Verkehrssicherungspflichten im Wald vom 01.06.2012 wird die VTA-Methode als Stand der Technik angesehen.

Die Betriebsanweisung „Verkehrssicherung“ für Bäume und Baumbestände im Zuständigkeitsbereich des SaarForst Landesbetriebs vom Dezember 2012 sieht vor, dass zu kontrollierende Bäume einer regelmäßigen fachlichen Inaugenscheinnahme nach VTA unterzogen werden.

 

 

2) Internationale Regelwerke:

 

Die europäische Norm EN 15567-1:2007 „Sport- und Freizeitanlagen - Seilgärten“ bezieht sich bei der Beurteilung von Bäumen an erster Stelle auf die VTA-Methode.

Im Regelwerk der Internationalen Gesellschaft für Baumkontrolle, Bezirk Italien (ISA - International Society of Arboriculture, Sezione Italiana) für die Beurteilung der Stabilität von Bäumen ist VTA als die zuverlässigste, erfahrenste und allgemein anerkannteste Technik aufgeführt..

Das Britische Regelwerk „BS 3998:2010 Tree work. Recommendations“ nimmt Referenz auf die „Aktualisierte Feldanleitung für Baumkontrollen mit Visual Tree Assessment“.

Gemäß dem Leitfaden „A Guide to the Common Trees of Singapore“ werden die Bäume in Singapur nach der VTA-Methode kontrolliert.

 

3) VDI-Richtlinie

Eine wesentliche Basis der VTA-Methode ist das "Axiom konstanter Spannung", also die Regel von der gerechten Lastverteilung, nach der der Baum lebenslang strebt (s.o.). Diese biologische Konstruktionsvorschrift haben nun auch die Ingenieure zum Inhalt einer VDI-Richtlinie gemacht: VDI-Richtlinie 6224 "Bionische Optimierung" von August 2012.

 

III. Fazit
Die VTA-Methode ist in der Rechtsprechung – sowohl national als auch international – rechtlich anerkannt. Darüber hinaus ist VTA auch Grundlage für zahlreiche deutsche und ausländische Normen und Regelwerke für die Kontrolle von Bäumen. Verantwortliche für Straßen- und Waldbäume haben somit eine sowohl rechtlich sichere als auch fachlich anerkannte und weltweit verbreitete Methode der Baumkontrolle zur Hand, die durch ihre Verständlichkeit überzeugt und eine fachgerechte Pflege der Bäume zu deren Erhaltung einerseits und zum Schutz vor eventuellen Gefahren andererseits ermöglicht und als Stand der Technik bei Baumkontrollen angesehen werden kann.

 

Ass. jur. Oliver Wittek, Kronau

 

 

Fußnoten:
(*) MATTHECK: Stupsi erklärt den Baum, 4. Auflage; MATTHECK: Aktualisierte Feldanleitung für Baumkontrollen mit Visual Tree Assessment

(**) Fotos des Unfallortes sind im Internet als → PDF (ca 3 mb) aufrufbar.


 

 


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