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Wisente und Borkenkäfer im Urwald von Bialowieza

Aktuelle Konflikte um Baumfällungen in Polen

 

Wisente und Borkenkäfer im Urwald von Bialowieza
Foto: pixabay.com / CC0 1.0

 

(23.2.2018) Trotz nationaler und internationaler Proteste, ließ die polnische Regierung Bialowieza-Urwald massiv Holz einzschlagen. Damit gefährdet sie die natürliche Entwicklung des Waldes und den Status als UNESCO Weltnaturerbe. Aufgrund dessen hatte die EU-Kommission eine Klage gegen die polnische Regierung vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingereicht. Vor wenigen Tagen hat der Generalanwalt des EuGH seine Stellungnahme abgegeben: Seiner Rechtsmeinung zufolge war die Erhöhung der Holzeinschlagsquoten durch die polnische Regierung illegal. Zwar ist die Stellungnahme für den EuGH nicht bindend, dennoch folgt dieser in seiner Entscheidungsfindung in den meisten Fällen der Einschätzung des Generalanwalts. Eine Entscheidung des EuGH wird in den kommenden Wochen erwartet.

 

Buchtitel
Foto: Böhlau Verlag

Vordergründig geht es um den Borkenkäfer, doch der eigentliche Konflikt geht tiefer: Passend zum aktuellen Streit um die Abholzungen im polnischen Teil des Urwalds von Białowieza hat vor Jahresfrist der Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Thomas Bohn der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) das DFG-Forschungsprojekt „Der Bialowieza-Nationalpark. Mensch, Tier und Umwelt in der polnisch-weißrussischen Grenzregion“ abgeschlossen.


In dem Buch „Wisent-Wildnis und Welterbe. Geschichte des polnisch-weißrussischen Nationalparks von Bialowieza“ beschreiben Bohn und seine Co-Autoren die wechselvolle Geschichte des Waldes, der als letzte Zufluchtsstätte des Wisents gilt, von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da der Wald immer wieder in die Schlagzeilen gerät: In einer einstweiligen Anordnung hatte der Europäische Gerichtshof der polnischen Regierung Baumfällungen in dem Urwald bis auf weiteres untersagt. Dieser Anordnung ist die polnische Regierung trotz massiver Proteste von Umweltschützern bislang nicht nachgekommen und verweist darauf, dass sie mit den Eingriffen in den Baumbestand des als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichneten Waldes lediglich den Borkenkäfer bekämpft.

 

Historische Studie beschäftigt sich mit letztem europäischen Flachland-Urwald

 

Um die aktuellen Konflikte einordnen zu können, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Insbesondere das 20. Jahrhundert mit seinen zahlreichen machtpolitischen Wandlungen macht deutlich, wie unter den verschiedenen Regierungen mit der Natur als Ressource und Reservat umgegangen wurde. Internationale Bedeutung erlangte der letzte Flachland-Urwald Europas zunächst als Jagdgebiet für polnische Könige und russische Zaren, dann als polnischer und belarussischer Nationalpark und schließlich als UNESCO-Welterbe.

 

Seit dem 18. Jahrhundert galt der Wald von Bialowieza als Refugium des Wisents, des größten Landsäugetiers Europas. Im Ersten Weltkrieg wurde die Art nahezu ausgerottet, in der Zwischenkriegszeit wieder rückgezüchtet und nach dem Zweiten Weltkrieg erneut ausgewildert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wald, der sich über ein

Bialowieza Urwald
Im Białowieski Nationalpark.
Foto: Ludwig Schneider / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Gebiet von 1500 Quadratkilometern erstreckt, zwischen Polen und Weißrussland geteilt.

Thomas Bohn, Aliaksandr Dalhouski und Markus Krzoska zeigen in ihrer Monographie, wie dem Wald im Jahre 2009 eine über 600-jährige Traditionslinie staatlichen Naturschutzes auferlegt wurde. Das Buch setzt sich mit konkurrierenden Konzepten zu dem 1932 in der Zweiten Polnischen Republik gegründeten und 1991 durch die Republik Belarus erweiterten Nationalparks auseinander.

 

Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges hatten sowohl die letzte Wisentpopulation als auch der jahrhundertealte Baumbestand noch die Wildnis- und Kolonialismus-Phantasien der deutschen Besatzer beflügelt. Im sowjetischen Teil hatte ein exklusiver Staatsforst der politischen Elite seit 1957 als Jagdgebiet gedient. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hielten schließlich internationale Biodiversitätsprogramme und Nachhaltigkeitskonzepte Einzug. Über die Schiene des Tourismus sollten sie auch der Regionalentwicklung förderlich sein.

 

„Rund um den Urwald Bialowieza ist mittlerweile eine bizarre Situation entstanden“, erklärt Prof. Bohn. „Die Diktatur Weißrussland, die ihren Teil des Waldes komplett unter Schutz gestellt hat, tritt in Sachen Naturschutz als Musterschüler auf, während Polen – als einer der ersten Repräsentanten der EU-Osterweiterung – in der Pose kolonialistischer Eroberer Raubbau an der Natur betreibt.“

 

Im Unterschied zur historischen Perspektive kommt aus heutiger Sicht nicht mehr dem Wisent, sondern dem Borkenkäfer der Status eines Königs des Urwalds zu. Der aktuelle Konflikt im polnischen Teil des Waldes gleicht den Verhältnissen der Jahre 2002 bis 2004 im weißrussischen Teil. In periodischen Abständen argumentiert die Lobby der Forstwirtschaft, so genannte „Sanitärhiebe“ seien ein Heilmittel gegen den Borkenkäfer. Tatsächlich ist der immer wieder epidemisch auftretende Befall auf Entwässerungsmaßnahmen der späten Zarenzeit und der 1960er Jahre zurückzuführen. Das Absinken des Grundwasserspiegels und die Versandung der Böden führte in vielen Arealen zum Siegeszug der Fichte, die für Borkenkäferbefall anfälliger ist.
(JLU Gießen / red.)

 

Weitere Informationen:

Infos zum Forschungsprojekt
Buch „Wisent-Wildnis und Welterbe“
Wiedervernässung und Renaturierung statt Motorsäge
Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH)
Schlußanträge des Generalanwaltes (pdf, ca. 230 kb)

 

 


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