MESSEN UND BEURTEILEN AM BAUM
1. bis 2. April 2003
im Forschungszentrum für Technik und Umwelt, Karlsruhe
Ein Rückblick
Die Aula war voll, knallvoll! Die letzten Spätanmelder wurden — mit wehem Herzen, aber doch —abgelehnt. Ausgebucht!
Die kamen, hatten nichts zu bereuen: Es war wieder jene gelungene Mischung aus Wissenschaft, Praxisnähe, rechtlicher Absicherung und jener herzenswarmen persönlichen Betreuung, die das Seminar seit jeher prägte.

Auch dieses Jahr wurde auf Messecharakter verzichtet. Im Vordergrund stand wie immer die Wissensvermittlung.
Nach einer kurzen Reportage über die Sturmschäden in Berlin von Wolfgang Leder, fortgeführt durch Prof. Mattheck mit Dias von Herrn Walther aus Glienicke, stellte Prof. Dr. Claus Mattheck ein offenbar nicht nur in der Baumpflege spektakuläres Schubspannungsmaximum vor, das Risse im Stammfuß der Bäume in Baumgabeln und selbst in technischen Faserverbunden erzeugt. Der Schubriss ist damit verstanden!

Im folgenden wurde der Einfluss der Baumhöhlung, des Schlankheitsgrades und der Bodenqualität auf das Schubrissrisiko aufgezeigt. Hohle Bäume, Flachwurzler mit stammfernen Sinkern und Bäume auf kohäsionsarmen Böden (Sand !) haben ein erhöhtes Schubrissrisiko. Mit zunehmendem Schlankheitsgrad (H/D-Verhältnis!) dominieren konkurrierende Versagensmechanismen (Bruch oder Wurf!).
Es wurden die Grenzen eines Versagenskriteriums für Schubrisse diskutiert, die den Sicherheitsfaktor auf ca. 2/3 des Wertes für gesunde Bäume reduzieren, wenn Biegespannungen bei Windlast betrachtet werden.
Dr. Iwiza Tesari führte in einem beeindruckenden Vortrag die Belastungen in Kronensicherungen (statisch und dynamisch!) vor, zeigte ihr Versagensverhalten und machte den Unterschied zwischen Kronenausbruchsicherungen und Fangsicherungen deutlich. Er zeigte, dass die minimale Belastung der Fangsicherungen auch bei straffem Fangseil mindestens das doppelte Gewicht (!!!) des gesicherten Baumteiles ist. Die FLL wurde danach von Prof. Mattheck aufgefordert, ihre Strategie neu zu überdenken und fachliche Probleme nicht mit politischen Lösungen zu beantworten. Seine Kritik an der gegenwärtigen Situation war gegen die FLL gerichtet und insbesondere an die aktuelle ZTV-Baumpflege, nicht gegen die Hersteller der Kronensicherungen. Die Kronensicherung soll seines Erachtens durchaus bleiben, aber wohldimensioniert und ohne Risiko für Sachen und Personen. Die FLL wurde aufgefordert, nunmehr endlich (!!) zu reagieren.
Aber es wurde erklärt: Auch die beste Kronensicherung hat ihre Grenzen, sei es beim Versagensfall "Schranktürklappen" oder beim Schubmaximum im "Stammkopf".
Übrigens für Stämmlinge gilt das Kriterium H/D=50 wie für Bäume! Schlankheitsgrad!!
Am Abend des ersten Tages folgte ein 40-Minuten-Video mit "Mechanik im bebilderten Erzählstil" und — wie Pausengespräche zeigten — der Baumfachmann versteht es und spricht so eine gemeinsame Sprache mit dem Ingenieur — ja, er ist vielleicht selbst schon auf dem Wege zum "Baum-Ingenieur".
Kaltes Buffet, bei dem in idealer Weise die Fachleute untereinander sind, Diskussionen, Gespräche mit den Referenten, fast 500 Teilnehmer aus 7 Nationen ...
Am zweiten Tag: Unfälle an Spielgeräten, sei es aus Stahl oder Untersuchungen an Holzspielgeräten. Die Stadt Heidelberg war hilfreich bei der Beschaffung von Lehrbeispielen und ein gutes Beispiel für Rückmeldungen aus der Praxis.
Es folgte ein kurzer Streif von Prof. Mattheck über kritische Astlängen, Stämmlinge, Resi-Einsatz an Veredlungen und Erdanker und Dr. Karlheinz Webers Vortrag über die Folgen exzessiven Bohrens:
Wer hätte gedacht, dass 10 Jahre nach wiederholtem Bohren es sein kann, als hätte man nie gebohrt? Die LANGZEITSTUDIE war es, die fehlte! Resultat: Für Lehr- und Forschungszwecke immer wieder angebohrte Bäume sind weitaus weniger gefährdet, als die vielen Kurzzeitstudien verschiedenster Autoren, die teils nur Holzverfärbungen bewerteten, glauben machen wollen.
Prof. Dr. Hötzel zeigte den aktuellen Stand von VTA — er war in der Pause umlagert wie immer — und trug dann vor über die Haftung bei geschützten Bäumen. Noch nie reichte seine Vortragszeit, um alle Fragen zu beantworten und doch: Kurz und treffend wurde der Schubriss am Stammfuß verglichen mit dem Unglücksbalkenriss, juristische Ähnlichkeit gefunden und damit die Haftung dafür begrenzt. Prof. Dr. Hötzels Vortrag war das juristische Highlight, das den Zusammenhang zwischen Biomechanik und Verkehrssicherungspflicht gewohnt brillant aufzeigte.
Das Publikum war diaerprobt, von einem reizenden Tisch mit Teddybär, Pralinen, Äpfeln und Brezeln verwöhnt und merkte wohl dankbar, dass man hier mit dem Herzen dabei war, die Dienstleistung der "Wissensvermittlung" bewusst zu erbringen.
Fast 500 Teilnehmer an beiden Tagen — Danke!
Am 4. und 5. Mai 2004 folgt das 10-jährige Jubiläum des VTA-Seminares.
Die Veranstalter und Referenten wissen, dass Sie dann etwas Besonderes erwarten und werden wieder ihr Bestes geben.

D.K.
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