Bericht zum 15. VTA-Spezialseminar "Messen und Beurteilen am Baum", am 12. und 13. Mai 2009
im Fortbildungszentrum für Technik und Umwelt des Forschungszentrums Karlsruhe.
 
Auch auf der 15. Veranstaltung - Jubiläum! - sind die Kapazitäten des Fortbildungszentrums wieder erneut voll ausgelastet! Die Atmosphäre war insgesamt humorvoll, aber auch durch hohes fachliches Interesse geprägt - sehr gute Fragen und Kommentare aus dem Auditorium bestätigten dies.
Nach so vielen Jahren ist ein Rückblick auf die stetige - keineswegs langsame - Weiterentwicklung von VTA angebracht: Der Ablauf der "VTA-Story" wurde von Prof. Dr. Claus Mattheck aufgezeigt und wie ein langer Weg von Verifikationen schließlich zu jener rechtssicheren und naturnah-plausiblen Methode führte, mit der Baumfachleute auf weltweit arbeiten.
Das gärtnerische Wissen des VTA- Anwenders wurde somit um Denkweisen aus der Formoptimierung nach dem Axiom der konstanten Spannung, der Werkstoffkunde (Steifigkeit und Festigkeit), der Bruchmechanik, der funktionellen Holzanatomie (Holzstrahlmechanik) und der Mykologie (Körpersprache der Pilze) bereichert. Letztlich wenden die VTA- Eliten heute schon das Tree Engineering an, das eine Brücke zwischen Baumpflege und Ingenieurwissenschaften schlägt. Ohne die Aktivitäten der IML GmbH und den Erfindergeist von Erich Hunger wäre VTA auf den visuellen Teil beschränkt geblieben. Die Baumdiagnosegeräte waren jene unverzichtbare Ergänzung, die wesentlich zur weltweiten Verbreitung von VTA beitrugen. Auch wäre ohne die rechtliche Begleitung von Prof. Dr. Hans-Joachim Hötzel wäre die rechtliche Absicherung schwieriger gewesen.
Prof. Dr. Mattheck wurde 2008 von der Urban Tree Diagnosis Association Japan zum Ehrenrat (Honorary Advisor) und Ass. jur. Oliver Wittek zum Ehrenmitglied ernannt. Mattheck erinnerte, dass aus seiner Sicht VTA selbst nie kritisiert wurde, sondern dass es von Gegnern immer erst verzerrt wiedergegeben und dann die Verdrehungen kritisiert wurden.

Nach diesem detailreichen dennoch kurz gehaltenem Rückblick wurden den vielen neuen Erkenntnissen des letzten Jahres der angemessene Raum gegeben. Anschließend, wie als erneuten Beweis für die stetige Entwicklung und Verfeinerung des mechanischen Verständnisses der Bäume, erklärte Prof. Dr. Claus Mattheck in seiner gewohnt zugleich unterhaltsamen wie verständlichen Art, den "Separationsschubriss", wie er an Bäumen mit stammnahen Sinkerwurzeln vorkommen kann. Mithilfe von FEM- Berechnungen und Moosgummiexperimenten wird veranschaulicht, dass die Schubspannung des Separationsschubrisses, im Gegensatz zur "Scherbombe" im Stammfuß, mit dem Querkraftschub im oberen Stamm gleichgerichtet ist. Somit ist der Separationsschubriss (auf der Zugseite) ähnlich kritisch, wie ein Unglückbalkenriss in der Zugwurzel zu beurteilen.
Modellberechnungen zum Schubriss, insbesondere bei einem Durchriss nach unten, und zur mechanischen Bedeutung zur Rissendknolle, vorgetragen durch Dr. Karlheinz Weber vertiefen die Erkenntnisse über Risse im Stamm.
Neue und vertiefende Erkenntnisse wurden auch zu Ästen vorgestellt:
Feldstudien zum Sicherheitsfaktor von Ästen haben zwar Zahlenwerte ergeben, zeigten aber dass weitere Feldstudien erforderlich sind, um die vorläufigen Ergebnisse genauer einzugrenzen.
Zur kritischen Astschlankheit wurde dargestellt, dass Äste ab einem Schlankheitsgrad von L/D = 40 abbrechen können und ab L/D 60-70 ein deutlich erhöhtes Astbruchrisiko aufweisen, da das Versagen in diesem Bereich statistisch belegt mit der größten Häufigkeit auftritt. Wichtig ist, weitere Symptome, die auf das "Schlankheitsproblem" hinweisen zu beachten.
Detailliert wurden verschiedene für die Beurteilung von Ästen bedeutsame Faktoren im Zusammenhang dargestellt: Die Entwicklung vom vitalen Ast zum Totast, der erst sicherer und dann unsicherer wird, sowie die bruchmechanischen und mykologische Aspekte in diesem Prozeß. Besondere Bedeutung beim Totast hat der verborgene Fäuletopf im Abschiedskragen.
In einem sehr anregenden, über die Körpersprache der Bäume weit hinausreichenden Festvortrag Matthecks zur Körpersprache von Menschen und Tieren zeigte er die Bedeutung des Widerstandes gegen die Schwerkraft als Maß für Überlebens- und Leistungswillen auf.
Ein Buch über die Körpersprache von Menschen, mit vielen erklärenden Zeichnungen, hat Mattheck für den Herbst angekündigt.
Auch nach der Tagung erstem Tage ergaben sich bei einem kalten Imbiss in der Kantine des Forschungszentrums ausgiebig Gelegenheit für anregende Gespräche, nicht zuletzt wegen des überraschenden Festvortrages

Den zweiten Tag eröffnete Dr. Karlheinz Weber mit unguten Neuigkeiten: Gleichwohl der Vortrag ebenso detailliert wie informativ war, beunruhigen doch die Anzeichen für einen Vormarsch der Ascomyceten (Schlauchpilze). Durch die Klimaerwärmung wandern aus südlicheren Regionen Ascomyceten ein, einheimische eher saprophytische Ascomyceten werden häufiger zu "fakultativen Parasiten", d.h. auch noch lebende Äste werden befallen während gleichzeitig der Klimastress die Pathogenresistenz ("Abwehrfähigkeit") der Bäume reduziert.
Wie bereits im Vortrag zur Rissendknolle zeigte Dr. Weber wieder erneut Bilder mikroskopischer Schnitte, die nicht nur höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechen, sondern auch ästhetisch beeindruckten. Zudem wurden Reinfektionen durch Splanchnonema (Massaria-Krankheit) an Bäumen nachgewiesen, die ein Jahr zuvor sorgfältig von allen befallenen Ästen befreit wurden. Daraus ergibt sich die Fragestellung, wie zukünftig Schnitt- und Pflegemaßnahmen sinnvoll und angemessen gestaltet werden können, um zur Erkrankung durch Splanchnonema neigende Platanen an verkehrsexponierten Standorten langfristig zu erhalten. Beispiele aus Italien und Heidelberg belegen langfristige Erhaltungsmöglichkeiten durch starke "Sicherheitsrückschnitte", bei denen die anfälligen langen "Löwenschwanzäste" vermieden werden.
Auch durch Hinweise der Praktiker wurde an Buche eine Pilzart gefunden, der "Rotbuchen - Rindenkugelpilz" (Biscogniauxia nummularia), dessen Symptome und die Versagensart der "Massaria-Krankheit" gleichen.
Aus den Vorträgen zu den Schlauchpilzen ergibt sich ein wichtiger Zusammenhang zu den Vorträgen des Vortages zum Astversagen: Allgemein sollten Anzeichen ungünstiger Vitalitätsentwicklung und Astschlankheit eine höhere Bedeutung in der Baumbeurteilung einnehmen!
Was für eine bessere Baumentwicklung in praxi getan werden kann, wie Fehler verhindert oder korrigiert werden können, stellte aus Sicht eines Wohnungsbauunternehmens Frau Dr. Isolde Hagemann in einem faktenreichen und engagierten Vortrag dar, der viel Praxiskenntnisse und auch Lebenserfahrung aus einem ereignisreichen Berufsleben vermittelte. Es wurde deutlich wie wichtig und aufwendig exakte Ausschreibungen sowie die stringente Leistungskontrolle der Auftragnehmer ist, wenn die Ergebnisse der Anforderungen entsprechen sollen. Eine schöne Anregung: Kurse zum Obstbaumschnitt für Mieter, die förderlich für die Akzeptanz der Grünpflege und für die Identifikation mit den Gemeinschaftsflächen waren. Und Landschaftsplanern muss man zur Not auf die Finger klopfen, wenn die Ergebnisse künftig zu Problemen führen. Stadtplaner sollten mit hinreichend klaren Worten zu Kompromissen zugunsten der Bäume gebracht werden.

Oberregierungsrat
Rainer Hilsberg legte aus juristischer Sicht dar, welche Ansprüche durch Gesetze an den Artenschutz gestellt werden und wie in der baumpflegerischen Praxis Konflikte vermieden werden können. Er stellte u.a. zur Diskussion, dass das Gebot Bäume nicht zu "verstümmeln" kein Dogma sein darf, wenn als Alternative zur Fällung das Belassen eines möglichst großen Reststammes aus Sicht des Artenschutzes die bessere Option wäre. Er regte Schulungen an, die die Praktiker in die Lage versetzen, aus Sicht des Artenschutzes wertvolle Biotopbäume und Totholzstrukturen zu erkennen und zu bewerten. Zu Möglichkeiten der Risikobewertung von Totästen wurde bereits zuvor aus berichtet. Fazit: Artenschutz und Verkehrssicherheit müssen sich nicht prinzipiell ausschließen.

Der Vortrag von Prof. Dr. Siegfried Fink beschäftigte sich eher indirekt mit den Angriffen Prof. Dr. Franz Grubers auf die VTA-Methode. Es wurde insbesondere akribisch und detailliert aufgearbeitet, wie eine "richtige" Statistik zu "falschen" Ergebnissen führt, wenn das Erhebungsgebiet für die Eingabedaten für vergleichende Sicherheitsbetrachtungen fachlich ungeeignet ist. Auf Gruber bezogen: Er hätte für seine Erhebungen mit Fichtenforsten schlicht die falschen Waldstrukturen herangezogen, um belastbare Aussagen zu kritischen Höhlungsgraden zu erlangen. Vielmehr hätte er die Aussagen Matthecks zur kritischen Schlankheit bestätigt, u.a. da Wirtschaftswälder hierzu Rückschlüsse zulassen. Erkenntnisse zu Problemen der Stadtbäume sind dagegen besser in "Urwäldern" zu erlangen. Fink stellte ein Diagramm vor, dass die Versagenskriterien zur kritischen Aushöhlung und zur kritischen Schlankheit nach VTA in einem zusammenfasst und verdeutlicht, wie diese widerspruchsfrei ineinandergreifen. Fazit: Die Kritik Grubers traf nicht zu und die VTA-Kriterien sind weiter zu verwenden.

Ass. jur. Oliver Wittek stellte schwerpunktmäßig einige Urteile vor, die eingrenzen wo Totholz toleriert werden kann und wo weniger: Im Wald ist durch Totholzbrüche eine Haftung weniger, in der Stadt dagegen sehr wahrscheinlich - die Einzelfallbetrachtung ist entscheidend. Ferner haben mehrere Oberlandesgerichte nach dem Erscheinen der "FLL-Baumkontrollrichtlinie" im Jahr 2004 in Urteilen auf die erforderliche Kontrollhäufigkeit Bezug genommen: Alle haben die 2x jährliche Kontrolle, im belaubten und im unbelaubten Zustand bestätigt. Die FLL-Empfehlung wurde nicht aufgegriffen. Witteck stellt die juristisch wie ethisch interessante Frage, ob die Aufforderung dennoch verlängerte Kontrollintervalle umzusetzen, nicht auf Kosten höherer Risiken für die Verkehrsteilnehmer (Gesundheit und Leben) und die Baumkontrolleure (Haftung und Strafe) ginge?
Dann zeichnete Prof. Dr. Mattheck den Biologen Dr. Karlheinz Weber, den Juristen Prof. Dr. Hötzel, den IML- Geschäftsführer Erich Hunger und die Organisatorin Erika Koch für ihre besonderen Verdienste für die VTA-Methode aus. Alle erhielten liebevolle individuell handgearbeitete "Trophäen".

Zum Abschluss gab Prof. Dr. Mattheck noch Anregungen zur Realisierung und Bemessung von Baumcontainern und wie denkbare Fehler zu vermeiden wären und stellte vor, wie sich stark ausgemorschte Baumveteranen mit drastisch verkleinerter Krone und mit mehreren Öffnungen - "Segmentbäume" - unter bestimmten Umständen wieder an Versagenssicherheit zunehmen: Ein großer, sehr hohler Stamm zerlegt sich gewissermaßen in mehrere kleinere Stämme geringeren Höhlungsgrades. Durch Zurücksterben begrenzen alte Bäume den Schlankheitsgrad, durch Segmentierung den Höhlungsgrad. Hierzu wurden erste Hinweise für visuelle Beurteilungen gegeben.

Dr. Iwiza Tesari
stellte schockierende Erfahrungen mit im Internet verfügbaren "Baumberechnungsprogrammen" vor, wo nach seinem Verständnis unter bestimmten Bedingungen absolut unrealistische, ja sogar gefährliche Werte ausgeben werden.

Es schloss sich eine lange hochinteressante Abschlussdiskussion an, wobei das Auditorium die Anwesenheit gleich dreier Juristen für sich zu nutzen wusste.

Insgesamt ist es den Veranstaltern wiederum gelungen, die fachlich herausragende Bedeutung des VTA-Spezialseminars als Flaggschiff der deutschen Baumpflegeforschung durch thematisch ineinander sich fügende, hochkompetente Vorträge aus Biomechanik, Biologie, Praxis und Recht und diesmal auch zur universellen Körpersprache zu demonstrieren.

Das nächste VTA-Spezialseminar ist für den 4. und 5. Mai 2010 angekündigt. Man darf gespannt sein!
 
Nicolas A. Klöhn

Von der IHK Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bruchverhalten, Verkehrssicherheit und Vitalität von Bäumen sowie für holzzersetzende Pilze in Bäumen
10629 Berlin
 
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