22.-23. April 2008 im Fortbildungszentrum des Forschungszentrums Karlsruhe
 
Wie seit Jahren erfreute sich "die" VTA-Tagung ungebrochen hohen Interesses. Der Saal war mit Zusatzbestuhlung voll, d.h. an beiden Tagen waren jeweils fast 500* Teilnehmer, auch aus verschiedenen Nationen zugegen.
( * Seminarteilnehmer nach Zählweise Augsburg rund 1200)
Nachdem Prof. Dr. Claus Mattheck über den aktuellen Stand von VTA informiert hatte, stellte Prof. Dr. Oliver Kraft, der Leiter des Institutes für Materialforschung II am Forschungszentrum Karlsruhe, dar, wie die Materialforschung zur Vermeidung von Unfällen beiträgt. Beispielhaft an ausgewählten Kriterien von VTA und SIA (Statisch Integrierte Abschätzung) zeigte Prof. Dr. Kraft ferner auf, welche Anforderungen aus wissenschaftlicher Sicht an ein Versagenskriterium zu stellen sind und warum sich diese z.B. bei SIA bzw. Zugversuch als problematisch darstellen.
Der Klimaforscher Prof. Dr. Wolfgang Seiler beantwortete in seinem anschließenden Vortrag die Frage, ob Hochwasser immer schlimmer werden, eindeutig mit Ja. Er stellte nachvollziehbar dar, mit welchen Auswirkungen nach dem aktuellen Stand der Klimaforschung für Mitteleuropa zu rechnen ist. Dass eine höhere Niederschlagsrate im Frühjahr zu schnelleren Hochwasseranstiegen führen kann, wurde durch einen ungewöhnlich schnellen Hochwasseranstieg des Rheins am Tag darauf sogleich veranschaulicht. Einige Tagungsteilnehmer mussten ihr Hotel am Rhein früher als geplant verlassen.
Weiterhin lag der Schwerpunkt des ersten Seminartages auf Zusammenhängen von Anpassungsleistungen und -grenzen von Bäumen, besonderen Standortverhältnissen und Bodenmechanik:
Prof. Dr. Claus Mattheck und der Biologe Dr. Karlheinz Weber erklärten eindrucksvoll die Einflüsse von Staunässe auf die Bodenmechanik und die Wurzelausbildung unter Bedingungen der Staunässe und gaben Beurteilungshilfen für stehende und gebrochene Bäume bei solchen Standortverhältnissen.
Danach wurde erstmals das Visual Slope Assessment (VSA) vorgestellt, das dem Praktiker Anforderungen für eine praxisnahe visuelle Hangstabilitätsbeurteilung an die Hand gibt. Spektakulär ist hierbei, dass die passiv" durch Erosion und Abbruchprozesse entstehenden Formen von Gestein oder auch von eher aus sandigen Böden geprägten Hängen, Klippen und Tälern etwa der durch die Zugdreiecksmethode" bekannt gewordenen Form zur spannungsoptimierten Kerbe entsprechen. Danach scheinen Gebirge und Hänge "passiv" nach den gleichen Designregeln ihren Verfall zu verzögern, mit denen Flora und Fauna "aktiv" durch spannungsoptimiertes Wachstum ihrem Versagen entgegenwirken.
VSA befindet sich nach Mattheck erst im Anfangsstadium der Entwicklung, doch ergeben sich bereits jetzt bedeutsame Beurteilungshilfen für Baumfachleute, Landschaftsplaner und -pfleger wie selbstverständlich auch für Geologen. Die Anwendung für die Praxis der Baumbeurteilung wurde sogleich an einem Beispiel eindrucksvoll dargestellt, bei dem auch die Vibrationen durch Schwerlastverkehr einen zusätzlichen Einfluss auf die Hangstabilität hatten.
Obwohl Mattheck sehr gerne darauf verzichtet hätte, wurde zum Abschluss des ersten Tages über die an verschiedener Stelle veröffentlichten und ungewöhnlich scharf gehaltenen Angriffe des Prof. Dr. Franz Gruber berichtet und wie diese wissenschaftlich zu beurteilen sind: Sie wurden fachlich abgewehrt. Prof. Mattheck erhielt in Pausengesprächen viel Lob für den sachlichen Umgang mit seinen Gegnern. Ausführliche Stellungnahmen, auf deren Argumente sich VTA-Anwender ggf. beziehen können, wurden auf den Webseiten www.arboristik.de und www.baumdiagnostik.de allgemein verfügbar bereitgestellt.
Ferner wurde noch der am Beginn von Prof. Dr. Kraft gesponnene Faden zur hohen Bedeutung der Belastbarkeit von Versagenskriterien aufgenommen. Da das Versagen eines hohlen Baumes schwere Sach- und Personenschäden bewirken kann, ist das Verständnis dieses Versagens und die Schaffung von belastbaren Versagenskriterien von hoher gesellschaftlicher Relevanz. In einer aktuellen Veröffentlichung beschäftigten sich Prof. Dr. C. Mattheck, Dr.-Ing. K. Bethge und Prof. Dr. O. Kraft mit der entscheidenden Bedeutung des Schubspannungsanstieges im Zusammenhang mit dem Versagen hohler Bäume. Warum sollen Aushöhlungsgrade, die nach VTA - fundiert durch weltweite Feldstudien - auf Risikobäume deuten, nach SIA noch sicher sein? Aufgrund der vorgelegten Beweisführung sind die Versagenskriterien von SIA und den Zugversuchen nach Ansicht der Autoren falsch, weil sie die Längsspaltung vor dem Biegebruch nicht beachten!
Der Bruch eines Baumes kurz nach einem Zugversuch, über den in den Medien berichtet wurde, wirft in diesem Zusammenhang weitere Fragen auf. Der Baum war nach den Darstellungen der "Hessenschau" hochgradig fäulegeschädigt. Der Berichterstattung zufolge wurde zwar ein Rückschnitt empfohlen, jedoch keine akute Gefahr benannt.
Nach dem ersten Tag war das Zusammensein der Fachkollegen zum Ausklang mit kaltem Buffet durch eine heiter entspannte Stimmung geprägt.
Foto vergrößern Referenten und Organisatoren:
Dr. Karlheinz Weber, Wolfgang Leder, Erika Koch, Ass. jur. Oliver Wittek, Prof. Dr. Hans-Joachim Hötzel, Prof. Dr. Claus Mattheck, Dieter Keck und Erich Hunger (von links nach rechts)

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Am zweiten Tag wurden weitere spannende Analogien aufgezeigt und auch früher vorgestellte Erkenntnisse vertieft und ergänzt.
Bereits 1999 wurden im 5. VTA-Spezialseminar Ergebnisse einer Diplomarbeit zu möglichen Risiken durch Krebsknollen vorgestellt. Damals wie heute konnten, abgesehen vom Risiko der Fäule in der Krebsknolle, keine Anzeichen für durch Krebsknollen verursachte Schwächungen gefunden werden. Eine vertiefende Erklärung wurde von Mattheck aktuell ergänzt: Auch die Anbindung der Krebsknollen am Stamm ist offenbar in der nun bekannten Weise kerbspannungsoptimiert".
Dr. Weber ergänzte Erkenntnisse zu Verfestigungsstrategien der Bäume für die Verschweißungsbereiche der Druckzwiesel, über die 1999 in der Doktorarbeit von I. Tesari zur Festigkeitsverteilung im "Zwieselohr" und 2000 zum Aufspleißen von Holzstrahlen als Rissstopper referiert wurde. Unterstützt durch mikroskopische Abbildungen höchster Qualität stellte Weber dar, wie durch den gebogenen Verlauf der Holzstrahlen im Bereich der äußeren Zwieselnaht tangentialer Querdruck entsteht. Hochinteressant waren auch Ausführungen zu Gemeinsamkeiten der Erreger der "Massaria-Krankheit" (also Splanchnonema platani) und wurzelbürtigen Fäulen, z.B. durch Riesenporling oder Tropfenden Schillerporling. Diese Erreger greifen an der jeweils schwächsten Holzstruktur an: Den dünnen Jahresringen der Astoberseite langer Äste bzw. den dünnen Jahresringen der Wurzelunterseiten. In diesem Zusammenhang wurde nochmals hervorgehoben, wie wichtig die Untersuchung der Wurzelanläufe ist, wenn eine Fäule in der Stammbasis festgestellt wurde!
Dieter Keck von der BASF und Wolfgang Leder vom Grünflächenamt Berlin-Mitte referierten über Erfahrungen der Baumpflege und Baumpflanzung. Besonders interessant: Sowohl der Mitarbeiter des Konzerns, der auf lange Sicht effizient und kostenoptimiert wirtschaften soll, wie auch der Mitarbeiter eines Berliner Stadtbezirkes, der unter den Bedingungen eines strengen Haushaltsregimes arbeiten muss, weisen übereinstimmend darauf hin, dass Investitionen in eine fachgerechte ggf. auch aufwendigere Pflanzung und Anwachspflege langfristig ebenso kosten sparend wirken wie auch rechtzeitige Pflegemaßnahmen. Für die Kommune kann dies bedeuten, dass Maßnahmen, die von der Öffentlichkeit bisweilen kritisch begleitet werden oder undurchführbar wären, durch eine frühzeitige Öffentlichkeitsarbeit und/oder Beteiligung der Anwohner eben doch ermöglicht und akzeptiert werden. Konzern und Kommune wünschen sich letztlich eine Identifikation der Mitarbeiter oder Bewohner mit "ihren" Bäumen. Grün wirkt als Wohnumfeldqualität ebenso positiv wie auch als "Arbeitsumfeldqualität"!
Prof. Dr. Hans-Joachim Hötzel stellte knapp und klar die Rechtsgrundlagen der Verkehrssicherungspflicht dar. Nicht unerwähnt blieb, dass manch "Regelwerksgeber" seine Bedeutung als Arbeitsgrundlage selbst größer einschätzt als sich dies juristisch theoretisch oder gar durch Urteile begründen ließe. Prof. Hötzel ließ erneut keinen Zweifel an der Revisionsfestigkeit der VTA-Methode beim BGH.
Ass. jur. Oliver Wittek stellte einige Urteile vor, in deren Begründungen die VTA- Schlankheitsgrade bedeutsam waren. Diese dürfen inzwischen wohl als in der Rechtsprechung etabliert betrachtet werden. Sehr differenziert und doch klar stellte Wittek anhand von Urteilen und zusätzlichen erklärenden Schemata dar, wann und wie die Störerhaftung" des Nachbarrechts bedeutsam wird. Neben Urteilen zur von der Straße bis in den Bestand gewissermaßen abgestuften Verkehrssicherungspflicht im Wald nahm Wittek letztmals auf Grubers Kritiken Bezug. Er wies begründet durch Jahrzehnte währende Rechtsprechung Forderungen Grubers klar zurück, der u.a. stark erweiterte Untersuchungsanforderungen formulierte, die über die Sichtkontrolle hinaus präventiven eingehenden Untersuchungen aller Bäume im Verkehrsbereich nahegekommen wären.
Mattheck beschloss das Seminar mit Ausblicken auf die Chancen und Möglichkeiten des Tree-Engineerings und wies nochmals darauf hin, dass es auch gesund den "100%-sicheren Baum" nicht geben kann, da die Natur Individuenopfer zur Arterhaltung vorsieht.
Mechanische Betrachtungen zur Eignung von Betonklötzen als Seilanker, bei denen nicht nur die bekannte Grenzlastanalyse zu berücksichtigen wäre, sondern speziell bei Betonklötzen u.a. auch die gelegentlich geringe Haftreibung von Beton auf verschiedenen Unterlagen, gerieten aufgrund gezeigter Beispiele unfreiwillig unterhaltsam.
Fazit 1: Weder den Baum-Praktiker noch den Bioniker kann es noch überraschen, wenn bekannte und neue Wachstums- und Designregeln, zunehmend zu einem umfassenden biomechanischen Gesamtverständnis, für die Bäume und ihre Umgebung zusammenfließen, sei es im Moor oder am Gebirgshang oder für den Hang selbst - und gar weit darüber hinaus.
Fazit 2: Erst recht nach erfolgreich abgewehrten Angriffen ist die VTA-Methode nach wie vor als revisionsfeste Methode zur Baumbeurteilung und -untersuchung, sei es für die routinemäßige Baumkontrolle oder für Gerichtsgutachten, uneingeschränkt zu verwenden.

Insgesamt wurde den Teilnehmern eine konzeptionell ausgereifte Veranstaltung geboten, in der neue Konzepte vorgestellt und praxisnahe Vorschläge unterbreitet wurden, wobei immer schlüssig auf bisherige Erkenntnisse aufgebaut werden konnte. Dies erlaubt dem Praktiker und dem Sachverständigen, neues Wissen im Sinne einer optimalen Anwendungssicherheit nutzen zu können.


Das 15. VTA-Spezialseminar "MESSEN UND BEURTEILEN AM BAUM" - Jubiläum - findet am 12. und 13. Mai 2009 statt; im Anschluss daran das "Wertermittlungsseminar".

 

Die Teilnehmer und Prof. Mattheck danken Frau Koch
für die gewohnt freundlich-perfekte Organisation.
 
Text und Fotos:
NICOLAS A. KLÖHN, Sachverständiger für Bäume • Dahlmannstraße 2 • 10629 Berlin
 
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